Kunstausstellung

Picassos Kriegszeit: Reiche Ernte, dunkle Töne in Düsseldorf

Besucher betrachten am Donnerstag 13. Februar 2020 in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Bilder des Malers Pablo Picasso in Düsseldorf. Die Ausstellung im K20 zeigt Einblicke in die Schaffensphase Picassos währendd es zweiten Weltkriegs „Kriegsjahre 1939 bis 1945“. Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Besucher betrachten am Donnerstag 13. Februar 2020 in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Bilder des Malers Pablo Picasso in Düsseldorf. Die Ausstellung im K20 zeigt Einblicke in die Schaffensphase Picassos währendd es zweiten Weltkriegs „Kriegsjahre 1939 bis 1945“. Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Foto: Anddré Hirtz / FUNKE Foto Services

Düsseldorf.  Der „entartete“ Picasso hatte im besetzten Paris Ausstellungsverbot, ging in die innere Emigration. Nach dem Krieg wurde er zum Freiheits-Helden.

Im August 1944 wurde aus dem in Europa recht bekannten Picasso ein Weltstar und Volksheld zugleich: Als die Truppen der Alliierten Paris von Hitlers Wehrmacht befreit hatten, ließ sich der Maler und Bildhauer in seinem Atelier ausgiebig ablichten, Auge in Auge mit der jungen Armeefotografin Lee Miller etwa, der er voller Begehren in den Nacken griff, oder mit frischen und Skulpturen wie dem „Mann mit Schaf“ oder Gemälden auf dem Boden, die auch von GIs mit Ehrfurcht und Staunen in die Hand genommen wurden. Die Fotos davon erschienen in Lifestyle- Gazetten wie „Vogue“, „Harper’s Bazaar“ oder auch in der renommierten „Life“. Picasso wurde zur Ikone für die Moderne und ihre Freiheit.

Aber ein Freiheitskämpfer, ein Widerständler ist Picasso in der Kriegszeit nicht gewesen, wie ab Samstag die neue Ausstellung der Kunstsammlung NRW zeigt. Picasso fürchtete, von den Nazis in seine Heimat Spanien ausgeliefert zu werden, wo gerade General Franco dem gewonnenen Bürgerkrieg eine Diktatur folgen ließ. Sein Antrag auf eine französische Staatsbürgerschaft wurde am 25. Mai 1940 abgeschmettert, kurz nachdem die deutsche Westoffensive begonnen hatte, die Frankreich binnen weniger Wochen überrollte.

Der Maler, der 1937 für die Pariser Weltausstellung mit „Guernica“ eine mehr als 26 Quadratmeter große Anklage gegen die deutsche Luftwaffe und die Brutalität der Franco-Armee gemalt hatte, entschied sich für die innere Emigration. Der Krieg hemmte Picassos Produktivität nicht; zwischen „Guernica“ und 1945 zählen die Kunsthistoriker rund 2200 Werke. Als „entarteter Künstler“ hatte er zwar Ausstellungsverbot, war aber wohl vor allem durch seinen Ruhm geschützt.

Mit Dora Maars und ihrer Vorgängerin Marie-Thérèse Walter

Er war vor den Deutschen zunächst mit seiner Geliebten Dora Maar ins Atlantik-Städtchen Royan an der Gironde geflohen, wo schon Dora Maars Vorgängerin Marie-Thérèse Walter mit der gemeinsamen Tochter Maya lebte. Hier entstehen die heitersten Bilder der Kriegszeit, mit lichtdurchströmten Café-Szenen, Stillleben voller Meeresfrüchte oder der „Frau im Lehnstuhl“ aus dem Bestand der Kunstsammlung.

Bald aber kehrt Picasso ins besetzte Paris zurück, wo er weiter jede erdenkliche Gesichtsregung der Fotografin Dora Maar zu den bekannten Frauen-Porträts gerinnen lässt, die zwei, drei, vier Perspektiven zu einer vereinen und zu Spiegeln einer zerrissenen, mindestens aber vielschichtigen Persönlichkeit werden. Die Bilder der Düsseldorfer Ausstellung nehmen nun gedecktere Farben an – etwas in den beiden Hauptwerken „Das Ständchen“ und „Großer liegender Akt“. Das Dunkelgrau wird häufig, ein Türkis-, ein Olivgrün glost stumpf, das Ocker gerät schmutzig.

„Nusch“ Éluard und der Windhund Kasbek

Aber hat Picasso Dora Maar nicht von Anfang an in dunkleren Farben gemalt? Und war er nicht immer schon an Stier- und anderen Schädeln interessiert? Und die drei blutigen Schafschädel in klassisch-kubistischer Picasso-Manier gleich zu Beginn der Ausstellung? Waren eigentlich Futter für den geliebten Windhund Kasbek, der Picassos Lust am Zeichnen ebensowenig entkam wie die zart hingetuschte, überraschend unkubistische Taube aus dem Jahr 1942, eine Vorläuferin jener ikonischen Friedenstaube, die sieben Jahre später entstehen sollte. Das „Kind mit Tauben“ (1943) aber wird zum Musterbild innerer Emigration. Hier wie bei dem noch naturalistischeren Porträt der schönen „Nusch“ Éluard seines Freundes Paul zeigt sich, dass Picasso bei allem Stilwillen stets offen dafür war, für alles, was er malte oder formte, die richtige, angemessen Form zu finden.

Das bittere Schicksal des Bildhauers Otto Freundlich

Picasso hat den Krieg durch- und ausgehalten; aber es erging diesem Glückskind des Lebens und der Kunst auch viel besser als anderen wie etwa dem Bildhauer Otto Freundlich, dessen Frau Jeanne Picasso um Hilfe anfleht, bevor der jüdische Deutsche seine letzte Bahnfahrt ins KZ Sobibor antrat.

Die Düsseldorfer Ausstellung, die zuvor etwas größer angelegt im Musée de Grenoble zu sehen war, bettet die Werke Picassos dieser Jahre geradezu vorbildlich in die Biografie und die geschichtlichen Umstände ein (im exzellenten Katalog sogar noch dichter und ausführlicher); umso weniger sind unmittelbare Zusammenhänge mit den knapp 70 Gemälden, Skulpturen und Papierarbeiten zu erkennen. Sie zeigen nur den sehenswerten Ausschnitt eines ebenso genialen wie gewaltigen Lebenswerks.

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