Anti-Anti-Oper

Peter Sellars zeigt neue Deutung von „Le Grand Macabre“

Simon Rattle am Pult der Berliner Philharmoniker.

Foto: Monika Rittershaus

Simon Rattle am Pult der Berliner Philharmoniker. Foto: Monika Rittershaus

Dortmund/Essen.  Grandiose Vorstellung: György Ligetis „Le Grand Macabre“ begeisterte erst in Dortmund, jetzt kommt die Produktion in die Essener Philharmonie.

Die Apokalypse findet nicht statt, der Weltuntergang ist abgesagt. Denn der Todesfürst hat schlicht, besoffen wie er ist, seinen Einsatz verpennt. In György Ligetis „Le Grand Macabre“, jener grell-derben, lustvoll ironischen, verfremdungssatten Opernfarce aus einem Land namens Absurdistan, schwächelt der Sensenmeister zum Wohl seiner Opfer. Eigentlich.

Sex, Suff und Schimpfwörter

Und eigentlich sollte sich das Publikum ob dessen, und wegen der drallen Szenen aus Sex, Suff und Schimpfwörter-Olympiaden prächtigst amüsieren. So hatte es Ligeti im Sinn, auch als er seine „Anti-Anti-Oper“ 1998 für die Salzburger Festspiele überarbeitete. Dann aber kam Regisseur Peter Sellars und ließ die Apokalypse stattfinden. In Form einer Atomkatastrophe. Ligeti war außer sich, die Stadt rief „Skandal“.

Die alte Geschichte, sie wurde nun wiederaufbereitet. Aus Anlass der Ruhr-Residenz der Berliner Philharmoniker gab’s am Donnerstag zum Auftakt „Le Grand Macabre“ im Dortmunder Konzerthaus, mit einer auserlesenen Solistenschar und dem wunderbaren Rundfunkchor Berlin, dirigiert von Simon Rattle, sowie mit der bleischweren szenischen Beigabe Peter Sellars’. Diesen Samstag kommt die Produktion in die Essener Philharmonie.

Gipfeltreffen der Nuklearbranche

Sellars macht aus der Residenz einen „Nuclear Energy Summit“, ein Gipfeltreffen der Nuklearbranche, zeigt auf Monitoren Konferenzgebaren, später grausige Szenen aus Tschernobyl. Atommüllfässer beherrschen die Bühne, das Ensemble steckt in Laborkitteln oder Schutzanzügen, alles Lustvolle, Zügellose bleibt Behauptung.

Es herrscht die große Agonie, die Pervertierung von Text und Musik. Das Piet vom Fass(!), der alte Suffkopf, zwischen Restmüllbehältern taumelt, ist ein besonders „schönes“ Symbol für Sellars’ Umdeutungen. Entsprechend triezt die dauerlüsterne Mescalina ihren Gatten per Cybersex, oder siecht die Spionagechefin Gepopo im Reiche des Fürsten Gogo in einem Krankenbett dahin.

Kein Zuckerschlecken

Schluss mit lustig – dieser Residenzauftakt ist kein Zuckerschlecken. Hatte Ligeti für sein Werk, nach Michel de Ghelderodes Schauspiel, ein imaginäres Breughelland im Visier, schauen wir bloß auf eine wilde Bizarrerie. Immerhin bleibt ein überwältigendes Hörerlebnis. Pavlo Hunka als stimmmächtiger Todesbote Nekrotzar ist eine Wucht, Audrey Luna formt als Gepopo unglaublich gelenkig ihre irren Koloraturen, die ins Gestammel des Wahns münden. Anna Prohaska und Ronnita Miller wiederum ergehen sich als Liebespaar Amanda/Amando in wunderhübschen Verzierungen.

Sie alle werden indes vom Orchester übertroffen, das Ligetis Musik lustvoll zelebriert. Hier zumindest sorgt mancher Effekt, wie das virtuose Spiel mit Autohupen, Zeitungspapier, Metronomen oder Weckern für Momente der Heiterkeit. Dann wieder, wenn der Sensenmann sich in den Vordergrund drängt, entfesseln die Berliner dramatische Urgewalten. Grandios!

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