Literatur

Nr. 25: John le Carrés neuer Roman „Federball“ ist da

Der britische Bestsellerautor John le Carré.

Der britische Bestsellerautor John le Carré.

Foto: dpa Picture-Alliance / Christian Charisius

Essen.  Passender Zufall: John le Carrés jüngstes Buch „Federball“ erscheint wie ein Kommentar zur aktuellen Lage seiner britischen Heimat.

Fast ein halbes Jahrhundert lang hat er nun, inzwischen 88 Jahre alt, in seinen Spionageromanen den Niedergang des einst so stolzen Britannien beschrieben, wobei der kritisierte Geheimdienst immer auch für das gesellschaftliche System stand. Und dabei ging es nicht nur um den Verlust der Weltmacht, sondern mehr noch um den politischen und moralischen Verfall, den le Carré zu erkennen glaubte.

Vor zwei Jahren hatte er „Das Vermächtnis der Spione“ als seinen definitiv letzten Roman auch in Deutschland öffentlichkeitswirksam präsentiert. Das war Nr. 24. Und jetzt? Legt er doch glatt Nr. 25 vor, in Großbritannien in der letzten Woche, als in Brüssel der Showdown um den Brexit in eine weitere Runde ging; bei uns erscheint er heute.

Zufällig passendes Timing: John le Carrés Roman „Federball“ kommt auf den deutschen Markt

Das Timing ist zwar zufällig, aber sehr passend. Den das Buch dürfte eher dem politischen Zorn von David Cornwell entsprungen sein als dem künstlerischen Drang seines Doppelgängers John le Carré. Dabei verschärft es den kritischen Ton des vorigen Buches noch, wo der alte Spymaster George Smiley den rapiden britischen Niedergang beklagt hat. Hier nun schimpft gleich am Anfang Nat, auch ein altbewährter, jetzt aber abgehalfterter Agentenführer, über das „zehntklassige Kabinett der Tories“, den „schauderhaften Au­ßen­minister, den ich zu diene habe“ (damals Boris J.), und den „blanken verfluchten Irrsinn des Brexit“.

Literarisch ist dies Buch – auf Deutsch „Federball“, im Original sehr viel prägnanter „Agent Running in the Field“ – ein eher bescheidenes Werk, eine Art Zugabe nach der langen und offensichtlich anstrengenden Tournee des Künstlers. Die Handlung ist simpel, auch wenn der Meister sie routiniert mit allerhand Typen, Motiven und Anekdoten als seinem reichen Fundus anreichert – im Grund eine Art Märchen: Zwei idealistische junge Leute, Peter und Florence, über kurz oder lang auch ein Paar, sind auf verborgene Skandale gestoßen – explosiv ist vor allem der strategische Plan von CIA und MI6, also der amerikanischen und britischen Geheimdienste, vor und nach einem Brexit „Resteuropa“ weiter zu destabilisieren. In einer Mischung von moralischer Empörung und himmelschreiender Naivität lässt Peter sich hinreißen, das Papier einer russischen Topspionin zuzuspielen (nachdem die Deutschen ihn abblitzen ließen). Es gibt sie also immer noch, oder schon wieder, die Fronten von früher!

John le Carrés 25. Roman ist kein herausragendes Werk, aber bissige Kritik am Polit-Betrieb

Aber natürlich bleibt all dies nicht unbemerkt. Und jetzt holt der alte Nat, der die Empörung der Jungen im Innersten teilt, zum letzten großen Coup aus, ohne Rücksicht aufs eigene Risiko. Zusammen mit seiner patenten Frau schafft er das Pärchen unter allen Kontrollen hindurch in den Flieger nach Wien und hernach in ein Versteck hoch in den österreichischen Alpen. Und wenn sie nicht gestorben sind ... sitzen sie noch immer dort oben und ärgern, wundern oder amüsieren sich abwechselnd, wie wir auch, über die never-ending-Brexit-Show dort drüben.

John le Carré: Federball. Roman Aus dem Englischen von Peter Torberg. Ullstein, 349 Seiten, 24 €.

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