Literatur

Norbert Wehr und das „Schreibheft“: Rebell der Literatur

Norbert Wehr vor dem Essener Grillo-Theater.

Norbert Wehr vor dem Essener Grillo-Theater.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen.  Seit 30 Jahren gibt Norbert Wehr in Essen die Literaturzeitschrift „Schreibheft“ heraus. Für ihn auch ein „Akt des Widerstands“

Ein rebellischer Jugendlicher – der trägt in unserer Vorstellung wohl eher eine pinke Punkfrisur denn ein Buch in der Hand. Womit wir die Widerborstigkeit des Bücherlesens grob unterschätzt hätten. Der jugendliche Norbert Wehr jedenfalls sah einen „Akt des Widerstands“ darin, „eine Zeitschrift für avancierte internationale Literatur herauszugeben“. Widerstand gegen eine von Maloche geprägte Umgebung, Widerstand gegen die damals so überpräsente Literatur der Arbeitswelt: „Denen als junger Wilder zu zeigen, was eine Harke ist, das war ein wichtiges Moment.“

Essen, 1978. Der 22-Jährige begegnet beim Bücherbummel auf Essens Einkaufsmeile Kettwiger Straße Uli Homann, der im Jahr zuvor das „Schreibheft“ gegründet hatte. Am Tapetentisch vor der Münsterkirche beginnt eine lange Freundschaft und Zusammenarbeit, die Wehrs Leben entscheidend prägte. Schon auf dem Essener Burggymnasium hatte er sich „die Welt zu erklären versucht mit Büchern“, hatte Freud gelesen und Peter Handke, „der für mich eine Sensibilität hatte, die meiner entsprach, der diese aber zum Ausdruck bringen konnte.“ Einflussreich auch ein Seminar des im Ruhrgebiet aufgewachsenen Schriftstellers von Nicolas Born an der Uni Essen, so wie überhaupt die Studienjahre eine „produktive, aufregende Zeit“ waren: So viele Namen fallen Norbert Wehr ein, die ein lebendiges Bild ergeben von einem kleinen literarischen Kosmos, der sich mitten im Revier entwickelte.

„Man kann auch im Ruhrgebiet anspruchsvolle Arbeit machen“

Essen, gut 30 Jahre später. Wir laufen vom Grillo-Theater, wo lange Jahre die gemeinsame Literatur-Reihe von „Schreibheft“ und Buchhandlung Proust beheimatet war, zum Straßencafé auf dem Kennedyplatz. Norbert Wehr trägt ein Jackett und spricht leise, nach Worten tastend, ein Intellektueller im Innenstadtgetümmel. Seit langem schon lebt der 63-Jährige in Köln, pendelt zwischen Köln und dem Essener Verlagssitz, eher aber könnte man ihn sich in Berlin vorstellen. „Berlin gab es damals noch nicht“, sagt Wehr: Nicht jene wiedervereinte Metropole, die der Revierliteratur seither stetig ihre besten Leute abspenstig macht. „Sie müssen mir glauben, dass das nicht kokett ist“, sagt Wehr und zögert kurz: „Aber ich denke, dass ich mit meiner Arbeit bewiesen habe, dass man an jedem Ort der Welt – und eben auch im Ruhrgebiet – anspruchsvolle Arbeit machen kann.“

Seit 1982 leitet Norbert Wehr alleine das „Schreibheft“. Mitte der 80er-Jahre stand die Zeitschrift auf Platz 1 der SWR-Bestenliste – „mit Nummer 24 über italienische Literatur“. Da gab es plötzlich Anrufe von Kritikern, Journalisten, und immer wieder „die Frage, wie ist so etwas im Ruhrgebiet möglich“. Dabei sei dies doch eine Frage des Netzwerks, nicht des Standorts, meint Wehr: Autoren zu kennen, Übersetzer, Menschen, die das Dossier des Heftes kuratieren können – Ideen zu entwickeln, zu begleiten, und am Ende die Beiträge zu einem schlüssigen Ganzen zu formen.

Noch nach Jahren werden einzelne „Schreibheft“-Ausgaben nachbestellt

Es gehe ihm, so Wehr, „um das Gefühl für den Raum, den die Texte herstellen“. Neben der Komposition ist die Exklusivität ein Merkmal des Heftes – Ausgaben werden nach Jahren noch nachbestellt. „Ausgrabungen auf dem Feld der avancierten Literatur“, etwa das Heft über Ezra Pounds Jahre in einem US-Hospital für kriminelle Geisteskranke. Literarische Wiederentdeckungen sind Kernstücke. Neuentdeckungen auch, aber nicht im Sinne einer Abdeckung aktueller Neuerscheinungen: „Was mich interessiert“, sagt Norbert Wehr, „ist eine Literatur, die weiß, dass es jemanden wie James Joyce gegeben hat und die die Tradition der Moderne fortschreibt.“

Wo hinter anderen deutschsprachigen Literaturzeitschriften Stiftungen oder große Verlage stehen (etwa Hanser bei den „Akzenten“ oder S. Fischer bei der „Neuen Rundschau“), da lebt das „Schreibheft“ von wechselnden Sponsoren. 2000 Exemplare erscheinen zweimal jährlich, zwei Drittel der Kosten werden getragen von Abos und Freiverkauf. Es hilft, dass Norbert Wehr als Mit-Veranstalter und Moderator von Lesungen und Reihen eine feste Größe ist: Anfang der 80er Jahre begann er im Folkwang-Museum, später im Aalto-Theater mit Lesereihen. Als die Buchhandlung Proust im Grillo-Theater eröffnete, begann eine fruchtbare Zusammenarbeit, die bis heute anhält. Zudem hat er sich als Literaturkritiker und als Autor von Hörstücken einen Namen gemacht.

Reviertypische Eigenschaften helfen Norbert Wehr: Zähigkeit, Beharrlichkeit, Eigensinn

So sehr Norbert Wehr sich einst das malochende Ruhrgebiet auf Distanz hielt, sich seine Nische suchte und fand, so sehr scheinen ihn aber doch einige reviertypische Eigenschaften durch die Zeit getragen zu haben: Zähigkeit, Beharrlichkeit, Eigensinn. Gerade in schwerer werdenden Zeiten für die Literatur. Anpassungen an vermeintliche Interessen und Märkte wird es mit Norbert Wehr jedenfalls kaum geben: „Was ich nie wollte“, sagt er mit dem ihm eigenen Zögern, „das ist: offene Türen einzurennen.“

Die nächste Ausgabe des Heftes erscheint am 2. September: www.schreibheft.de

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