Albert Camus

Mutig und eindringlich: „Die Pest“ im Schlosstheater Moers

Sechs „Chronisten“ in Rattengestalt berichten dem Publikum von den grausamen Begleiterscheinungen der Seuche.

Sechs „Chronisten“ in Rattengestalt berichten dem Publikum von den grausamen Begleiterscheinungen der Seuche.

Foto: Jakob Studnar

Moers.  „Jeder trägt die Pest in sich“: Das Schlosstheater Moers wagt sich an Albert Camus’ großes Werk „Die Pest“. Am Ende gibt es stürmischen Beifall.

Das langgestreckte weiße Zelt aus Gaze-ähnlichem Material gleicht einer Isolierstation. Oder einem Auffanglager. Darin zwei Stuhlreihen, auf denen die Zuschauer, Rücken an Rücken, Platz nehmen. Weitere Sitze außerhalb des Zeltes bleiben vorerst frei. In diesem fast klinisch sterilen Irgendwo, im ständigen Spiel- und Blickwechsel zwischen drinnen und draußen, entfaltet Schlosstheater-Intendant Ulrich Greb eine mutige, eindringliche Sicht auf Albert Camus‘ „Die Pest“.

Die Protagonisten, die bei Camus in einer algerischen Küstenstadt der 40er-Jahre den Einfall der Seuche erleben (der humanistische Arzt Rieux, dessen Freund Tarrou, der fanatische Jesuitenpater Paneloux) treten nur als Erzählmaterial in Erscheinung. Sechs „Chronisten“, durch Rattenmasken und identische Kleidung jeder Individualität enthoben, referieren den Verlauf der Ereignisse, berichten von den sozialen Erschütterungen, von den verzweifelten Versuchen, der Seuche entgegenzutreten, von Massensterben, von Isolation und Internierung. Erschreckende Sachlichkeit bestimmt den Ton. Drohen die Berichte zu subjektiv, zu emotional zu werden, formieren sich die Rattenköpfe zum mahnenden Chor: „Ein Chronist hat nur die Aufgabe zu sagen: das ist geschehen.“

Die Nüchternheit zwingt zur Reflexion

Den Zuschauer, der irgendwann auf die Außenplätze geführt wird und das Geschehen aus der Warte eines Verstorbenen oder Internierten verfolgt, zwingt die Nüchternheit zur Reflexion. Unaufhaltsam steuert die Inszenierung, die jeden Verweis auf Aktualitäten vermeidet, auf eine der Kernaussagen bei Camus hin: Im Menschen ist Menschlichkeit wie Unmenschlichkeit gleichermaßen angelegt, „jeder trägt die Pest in sich“. Aber auch das Frieden stiftende Heilmittel. Das muss nicht gleich Liebe sein – schlichtes Mitgefühl reicht.

Nach 90 Minuten dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis stürmischer Beifall die beklemmende Stille durchbrach.

Termine: 26.9. (19.30 Uhr); 29.9. (18 Uhr); 12.10. (19.30 Uhr); 13.10. (18 Uhr). Tel. 02841/ 8834110

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