Lärmschutz im Orchestergraben

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Dortmund. Musiker unter unförmigen Ohrenschützern? Lärmschutzwände im Orchestergraben? Sicherheitsabstande zwischen lauten und weniger lauten Teilen des Klangkörpers? Das klingt nach Schilda, ist aber bloß Brüssel. ...

... Eine EU-Lärmschutzrichtlinie harrt der Umsetzung in nationales Recht. Natürlich sind die Beispiele übertrieben, aber Übertreibung macht anschaulich. Für Arbeitsschutz-Experten sind Ohrschoner, Lärmschutz-wände und andere Hilfsmittel im Orchestergraben nämlich ebenso vorstellbar wie auf der Straßenbaustelle unter Presslufthammergetöse. Geräusche messen sie in Dezibel, und was zu viel ist, ist zu viel, gleichgültig, wer der Verursacher ist. Schon 2003 hat die Europäische Union eine umfangreiche Lärmschutzrichtlinie abgefasst, die spätestens bis 15. Februar 2008 in nationales Recht umgesetzt werden soll. Und dann passierte längere Zeit nichts, und nun ist's höchste Eisenbahn.

Lärmschutzbestimmungen gibt es natürlich auch bisher schon, sie gelten für Handwerk und Industrie, beispielsweise aber auch für Call Center. Und prinzipiell, so Dr. Georg Brock von der in Dortmund ansässigen Bundesan- stalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), galten diese Bestimmungen immer auch schon für Musiker, denn Geräusch ist Geräusch. Doch bricht sich diese Erkenntnis eher mühsam Bahn ins allgemeine Bewusstsein. Um diesen Prozess zum Wohl der Betroffenen ein wenig zu beschleunigen, erarbeitet die Bundesanstalt derzeit einen Leitfaden für das Musik- und Unterhaltungsgewerbe, der in den nächsten Wochen herauskommen soll. Es sei "ein Ratgeber, keine gesetzliche Verpflichtung", betont Brock. Seine Behörde habe keine exekutiven Befugnisse. Besuche des behördlichen Lautestärkekontrolleurs mit anschließender Orchestergrabenschließung sind also noch nicht zu befürchten.

Lange Zeit wurde das Problem geleugnet. Zwar wusste schon Wilhelm Busch, dass Musik wegen ihrer Geräuschentwicklung als störend oft empfunden wird, doch meisterlich dargebotene Sinfonik konnte damit nicht gemeint sein, oder? Wenn jedoch nach einer Erhebung der Deutschen Orchestervereinigung 20 bis 30 Prozent der Musiker über Beschwerden zwischen Ohrensausen und Schwerhörigkeit klagen, besteht Handlungsbedarf. Viele Orchester haben bereits gehandelt. So bekommen Dortmunder Orchestermusiker auf Wunsch individuell angepassten Hörschutz, um die 170 Euro kostet das Paar Edelstöpsel, ungefähr die Hälfte der 101 Festangestellten hat welche. Auch dürfen in Dortmund Schwangere nicht mitspielen - eine Regelung, die allerdings nicht auf uneingeschränkte Zustimmung der Betroffenen stößt.

Bauliche Missstände sind derzeit kaum zu beheben. Die belastendsten Lärmpegel in Dortmund entstehen nicht in Opern- und Konzerthaus, sondern im kaum gedämpften Probenraum. Als der in den 60er Jahren entstand, war Gehörschutz kein Thema.

Neben baulichen Veränderungen, Umbesetzungen im Orchesterraum und ähnlichen praktischen Maßnahmen existiert noch eine wunderbare bürokratische Maßnahme. Sie basiert auf dem Prinzip der Wochendosis: Wer im Wechsel laut und leise spielt, kann damit insgesamt im grünen Bereich bleiben. Intendanten und Dirigenten erreichen dies, indem sie im Repertoire laut und leise mischen, oder etwas Leises proben lassen, wenn etwas Lautes auf der Bühne gegeben wird - oder umgekehrt. Und schon hat Brüssel seinen Schrecken verloren!

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