Interview

Dianne Reeves: "Ich glaube, alles kann Wirklichkeit werden"

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Die vierfache Grammy-Gewinnerin Dianne Reeves gehört zu den besten zeitgenössischen Jazz-Sängerinnen. Am 4. April veröffentlicht die 51-jährige Amerikanerin ihr neues Album "When You Know". Ein Gespräch über Ostern, Engel und Reeves' Vorbild Sarah Vaughn.

WR: Wir haben morgen Ost ern. Wie werden Sie feiern?

DR: Oh, ich bin unterwegs. Hm, das ist schade. Aber danach, wenn ich wieder daheim bin, werde ich zusehen, dass die Familie zusammenkommt.

WR: Sie haben oft mit Ihrem Cousin George Duke zusammengearbeitet. Er hat viele Ihrer Alben produziert. Was bedeutet Ihnen Familie?

DR: Aber eines vorweg: George ist ein großartiger Musiker. Wenn wir im Studio zusammenarbeiten, fühle ich mich wirklich gut aufgehoben bei ihm. (kleine Pause) Nein, ernsthaft, er ist großzügig, er hat sooo viel zu geben.

WR: Manche Leute sagen, eine Familie, die zusammen betet, bleibt auch zusammen. Was sagen Sie dazu?

DR: Hm, ja, das sehe ich auch so. Dem stimme ich zu. Ja, ich bin froh, dass Sie das ansprechen. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, habe ich von vielem geträumt, für vieles gebetet – und eine ganze Menge davon ist tatsächlich passiert. Und eine ganze Menge ist passiert, von dem ich gar nicht zu träumen gewagt habe. Da hat es bestimmt jemanden gegeben, der für mich gebetet hat. Ja, es ist wirklich wichtig, jemanden zu haben, der für ihn einen bittet, und es ist wichtig, sich im Alltag meditative Momente zu gönnen.

WR: Glauben Sie an Engel?

DR: Oh ja, absolut. Am besten ist es, wenn sie die Form von menschlichen Wesen annehmen. Sie kommen mir wie ein Engel vor. Wir könnten füreinander Engel sein.

WR: Na, wenn Sie meinen. – Okay, lassen Sie uns mal über Ihre Grammys sprechen. Sie haben vier davon gewonnen. Welcher war ihr wertvollster?

DR: Wow! Diese Frage hat mir noch niemand gestellt. Dieser wichtigste Grammy, die ich bisher gewonnen habe, war der das Album „The Calling“, ein Tribut an Sarah Vaughn. Und der allererste Grammy, den ich erhalten habe, war auch unheimlich wichtig.

WR: Sie beziehen sich oft auf Sarah Vaughn. Warum ist diese Sängerin sooo wichtig für Sie?

DR: Gut, als ich angefangen habe, war Sarah jemand, der mir Möglichkeiten eröffnet hat. Möglichkeiten, etwas mit meiner Stimme zu machen. Sie war ein Vorbild für mich; an ihr bin ich gewachsen. Es war eine Art Erweckungserlebnis, als ich sie zum ersten Mal gehört habe.

WR: Man sagt, die Augen seien der Spiegel der Seele. Ich sage, die Stimme ist es auch. Wie sehen Sie das?

DR: Das sehe ich genauso. Wissen Sie, Sie erfahren unheimlich viel über jemanden durch die Art und Weise, wie er spricht. Sie hören das Timbre der Stimme, den Klang. Sie hören, wenn jemand ängstlich ist, wenn sich jemand freut. All diese Gefühle und Farben verdeutlichen, was gerade mit Dir passiert.

WR: Sie sprechen von „Farbe“. Malen Sie mit ihrer Stimme?

DR: Ich hoffe doch. Ja, all meine Gefühle und Gefühlszustände. Ja, Sie haben recht. Ich benutze meine Stimme genau zu diesem Zweck.

WR: Was sind denn die Gefühle, die Ihr aktuelles Album rüberbringt?

DR: Absolute Freude.

WR: Okay, das letzte Stück auf dem Album heißt „Today Will Be A Good Day“ (Heute wird ein toller Tag)...

DR: Oh ja.

WR: Sie sind optimistisch?

DR: Glaube schon. Ich glaube an meine Möglichkeiten. Ich glaube, alles kann Wirklichkeit werden. Denken Sie mal daran, dass Herbie Hancock den Grammy für das beste Album des Jahres erhalten hat. Und das als Jazz-Musiker. Ja, ich glaube, dass alles möglich ist.

WR: Alles ist möglich – sogar in Ihrem Land.

DR: Absolut.

WR: Die Leute sagen: Es gibt einen Wechsel.

DR: Oh, wir erleben gerade eine Mengel Wandlungen. Es ist schon eine außergewöhnliche Sache.

WR: Damals, vor 40 Jahren, startete die Sache mit Martin Luther King. Glauben Sie, dass Barrack Obama das Ende dieser Entwicklung ist?

DR: (betont) Nein. Er ist die logische Fortsetzung dieser Entwicklung. Er ist die Verkörperung unseres Traums. Machen Sie Quatsch?

WR: Oh nein, ich mache keinen Quatsch.

DR: Nicht nur Obama, auch Hillary ist gut drauf. Wenn sie gewählt würde, gäbe es auch etwas Neues in unserem Land: eine Frau als Regierungschefin. Das hat Amerika noch nie erlebt. Viele andere Länder haben schon eine Frau als Regierungschefin, großartige Frauen. Na ja, wenn wir zu Martin Luther King zurückkehren, dann bleibt doch Folgendes: Es ist egal, welche Hautfarbe Du hast, es ist egal, welcher Religion Du angehörst, es ist egal, welchem Geschlecht Du angehörst – es zählen allein Deine Fähigkeiten und Dein Charakter. Das wäre wirklich wunderbar.

WR: Also egal, wie die Wahlen in den USA ausgehen – es kommt auf jeden Fall etwas Neues.

DR: Oh ja.

WR: Welches Rolle kann Musik spielen, um die Welt etwas besser zu machen?

DR: Okay, die Musik kann dazu beitragen, die Einzigartigkeit der Menschen herauszuarbeiten, die Einzigartigkeit Ihrer Persönlichkeit. Musik kann dazu beitragen, Hoffnung und Freude zu geben.

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