Toten Hosen

Campino findet in letzter Sekunde seine Stimme wieder

30 Jahre Vollgas: Campino und die Toten Hosen.

30 Jahre Vollgas: Campino und die Toten Hosen.

Foto: dapd

Köln.   Das Jubiläumskonzert zum 30-jährigen Bestehen der Toten Hosen drohte fast zu platzen. Sänger Campino war am Morgen ohne Stimme aufgewacht. Das merkte man ihm Stunden später im Kölner Gloria aber nicht mehr an. In den zwei Stunden gab es Klassiker und neue Stücke.

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Das war knapp. Über Nacht hatte Campino etwas Wichtiges verloren, seine Stimme. Sie war plötzlich unauffindbar. Eine Katastrophe. Fast wäre der wichtige Abend geplatzt. Doch in letzter Sekunde zog ein Mediziner aus Düsseldorf aus seiner Geheimschublade ein Gebräu, das den Sänger wieder geschmeidig machte. Also alles klar: „Guten Abend Köln!“, schrie Campino wenige Stunden später. Köln? Ganz genau!

An Ort und Stelle weggeschnarcht

Die Toten Hosen aus Düsseldorf traten zu ihrem Jubiläumskonzert ausgerechnet in der umstrittenen Stadt an. 30 Jahre Punkrock machen hart. Da ist man vor nichts mehr fies. Aber geschont hat sich die Band eigentlich noch nie. Vor allem in ihrer Anfangszeit nicht, als sie zuerst die Partykeller der Republik rockte und anschließend noch an Ort und Stelle wegschnarchte. Teils wegen des Alkohols, teils aus Erschöpfung. Ein Wunder, dass sie sich so lange gehalten hat – und ein noch größeres Wunder, in welchem Zustand sie sich heute befindet. Rüstiger und vitaler denn je. Mal abgesehen von kleineren Ausfällen wie Krächzstimmen.

Beim Jubiläumskonzert war vieles wie früher und so sollte es auch sein. Bewusst suchen sich die Hosen in dieser Zeit nicht die großen Arenen, die sie sonst locker füllen, sondern machen es kuschelig und klein. Das Kölner Gloria mit seinem samtigen Charme war da geradezu perfekt. 900 Karten waren in Sekundenschnelle ausverkauft. Und die, die eine erwischt hatten, erlebten eine Band in Bestform. Es ist erstaunlich, wie Frontmann Campino sich mit seinen knapp 50 Jahren gehalten hat. Rank und schlank ist er, fast so, wie der skelettierte Adler, das Haustier der Hosen, das bei jedem Konzert über der Bühne wacht. Nur mit dem Unterschied, dass Campino etwas lebendiger und gesünder in Erscheinung tritt.

Lieder aus der Zeit vor dem Urknall

Die zwei Konzertstunden befüllten die Toten Hosen mit einer Mischung, die es so noch nie gab. Klar, die Mega-Hits wie „Bonnie und Clyde“, „Paradies“ oder „Steh auf“. Dazu aber auch Liedgut aus der Zeit vor dem Urknall, das eigentlich schon fast vergessen waren. „Halbstark“ zum Beispiel. Campino machte das ganz geschickt. Bei den Klassikern hielt er den aufgedrehten Fans immer wieder das Mikro unter die Nase. Sollten die doch seinen Job übernehmen, während er seiner Stimme ein Päuschen gönnte.

Bei den zwölf neuen Stücken vom gerade erschienenen Doppel-Album „Ballast der Republik“ konnten die Zuschauer schlecht einspringen. Einfach weil sie die Texte noch nicht drauf haben. „Gut möglich, dass wir uns für lange, lange Zeit hier nicht mehr treffen“, rief der Sänger irgendwann. Und es wurde stiller. Man muss ja nach so vielen Jahren jederzeit mit Abschied rechnen. Aber keine Angst, so weit dürfte es noch nicht sein. Die Hosen haben Pläne, die länger als dieser Sommer sind.

Ganz bezaubernd übrigens ihre Cover-Version des Ärzte-Klassikers „Schrei nach Liebe“, aus einer Zeit, in der auch die Ärzte noch Vollgas-Lieder geschrieben haben. Inzwischen erinnern sie mit ihren neuen Songs ja eher an die „Prinzen“. Ja, ja, das Alter...

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