Bühne

Mülheimer Theatertage: Wolfram Hölls „Disko“

Glücklich zappeln jene, die der Türsteher einließ.

Glücklich zappeln jene, die der Türsteher einließ.

Foto: Rolf Arnold

Mülheim.   Deutschland, eine „Disko“: Wolfram Hölls Theaterstück macht die Bühne zum Dancefloor – und die Flüchtlingspolitik zum Türsteher-Drama.

Die „Stücke 2019“ erleben ihren ersten Höhepunkt: Mit „Disko“ des Autors Wolfram Höll zeigt das Schauspiel Leipzig bei den Mülheimer Theatertagen eine so temporeiche wie irrwitzige Performance über die deutsche Flüchtlingspolitik. Musik, Sprache und Bewegung sind dabei so exakt choreographiert und ineinander verzahnt, dass der Zuschauer atemlose 70 Minuten lang förmlich von seinem Sitz geblasen wird.

„Disko“ ist Hölls erst vierter Text fürs Theater. Wer ihn liest, staunt nicht schlecht, denn der 33-jährige Leipziger hat sein Stück tatsächlich in eine Excel-Tabelle geschrieben. Jede Spalte steht für eine Figur, die Ziffern am Rand geben die Schlagzahl vor. „Bums, bums, bums“ oder „Bam, tschick, klatsch“ sind wiederkehrende Begriffe. In punktgenauem Rhythmus treibt Höll sein Spiel voran und verlangt von seinen Darstellern ein Höchstmaß an Tempo und Taktgefühl. So gleicht das Stück einer musikalischen Partitur, bei der mehr Wert gelegt wird auf den pulsierenden Beat statt auf eine aufregende Geschichte. Die Form triumphiert über den Inhalt, doch das ist so faszinierend gemacht, dass jegliche erzählerische Schwäche inmitten des ungeheuren Klangzaubers kaum auffällt.

Ivan Panteleev führt Regie – mit Bewunderung

Die Regie von Ivan Panteleev folgt der Vorlage mit sichtbarer Bewunderung, wobei besonders dem Musiker Jan-S. Beyer eine zentrale Rolle zukommt. Er schafft den Rhythmus, bei dem man mit muss, und versteht seinen mitreißenden Klangteppich als Hommage an Legenden des Elektro-Pop: von Kraftwerk bis Daft Punk. Auch das siebenköpfige Ensemble tritt mit beeindruckender Musikalität auf. Ihrem konzentrierten Spiel ist anzusehen, wie hart und genau an diesem Abend gearbeitet wurde.

Die titelgebende „Disko“ steht dabei als Sinnbild für unser Land und seinen Umgang mit Asylsuchenden. Nur wer reinkommt, ist drin – und wem diese Ehre zuteil wird, entscheidet niemand geringerer als der Türsteher. Allein seinem Urteil ist es zu verdanken, dass die Glücklichen im Tanzpalast auf Laufbändern zappeln dürfen, während die Aussortierten vor der Tür weiter auf Fahrrädern strampeln müssen (Bühne: Yanjun Hu). Dann wird‘s ernst, denn auch ein Tross Fremder macht sich auf dem Dancefloor breit, sehr zur Verunsicherung der „besorgten Bürger“, die schließlich die bange Frage stellen: Schaffen wir das?

Höll gewann schon 2013 und 2016 den „Stücke“-Preis

Wenn am Ende die Szenerie in einem (nur zaghaft angedeuteten) Blutbad versinkt, zieht Höll seine oberflächliche Partygesellschaft in den Abgrund. Das ist dick aufgetragen und versetzt diesem flirrenden, kurzweiligen Abend einen unerwarteten und unnötigen Schlag mit der leidlich drögen Auflösung: Der Mörder ist immer der Türsteher. Dennoch: Das Publikum feiert eine sehenswerte, hoch musikalische Aufführung, die Wolfram Höll erneut in den Kreis der Favoriten katapultieren könnte. Bereits 2013 und 2016 räumte er in Mülheim den Dramatikerpreis ab.

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