JAZZ

Moers-Festival mit wenig Promis auf neuen Pfaden

Oxbow und Peter Brötzmann stehen am Sonntag 20.05.2018 in Moers gemeinsam auf der Bühne.

Oxbow und Peter Brötzmann stehen am Sonntag 20.05.2018 in Moers gemeinsam auf der Bühne.

Foto: ULLA MICHELS

Moers.   Wenig ist wie es war: Das Moers Festival unter der Leitung von Tim Isfort geht andere Wege. Es gibt Überraschungen, aber auch weniger Zulauf.

Mit seinen 47 Jahren ist das weiland von Burkard Hennen als „Internationales New Jazz Festival Moers“ gegründete Pfingstereignis unzweifelhaft längst erwachsen. Ob man das auch von Tim Isfort sagen kann, der jetzt an einem angenehm temperierten Wochenende sein erstes vollwertiges „Moers Festival“ als künstlerischer Leiter präsentierte? Und dafür das niederrheinische Grafenstädtchen mit einem bunten Potpourri aus handgezählten fast 140 Events überzog.

Gags im Programm des „Moers Festival“, darunter ein Rudel aus Gartenzwergen

Ein „moersify“ genanntes Konzept, das zumindest bei der heimischen Bevölkerung bestens ankam und Tausende in den opulent bespielten Schlosspark und natürlich auch auf das etwas abseitig gelegene Festivalgelände lockte. Wo es auch zahlreiche Gratis-Konzerte zu erleben gab, die den Ohren der in diesem Jahr spürbar reduzierten Moers-Fans kaum Pause gönnten.

Die wunderten sich über ein launig annonciertes Rudel an Gartenzwergen, die am Sonntag gar die große Bühne bevölkerten, ebenso wie über einige im bemerkenswert chaotisch sortierten Programmheft ankündigte Auftritte seltsam benannter Bands, die sich schlicht als Fake-News erwiesen.

Tim Isfort hat halt einen etwas seltsamen Humor, machte aber immerhin gute Miene zum bösen Spiel, als er die Eröffnungsband „Talibam! HARD VIBE featuring Matt Nelson & Ron Stabinsky“ auf stockfinsterer Bühne ankündigen musste. Die servierte ein wuchtiges Gebräu aus um sich kreisenden Retro-Hammond-Sounds mit röhrendem Tenorsax geradezu leitmotivisch für so manche andere High-Energy-Combo der folgenden Tage.

Starke Frauen prägen die besseren Seiten des „Moers Festival“ 2018

Dass zumindest die Gäste auch anders konnten, zeigten sie später bei der von Jan Klare kuratierten „moers session #3“, wo Matt Nelson einen starken Auftritt mit dem Mikrotonal-Gitarristen David Dornig und „Melt Trio“-Drummer Moritz Baumgärtner ablieferte. Und Ron Stabinsky am Flügel vorführte, dass er in anderem Kontext auch filigran tasten kann. Ein genüssliches Impro-Abenteuer mit Wilbert de Joode und Steve Swell, die bereits am Vortag in Klares eigener Band „2000“ souverän ihre Klasse bewiesen hatten.

Große Publikumsmagneten waren diesmal Mangelware. Diesen Mut von Tim Isfort kann man bewundern, angesichts der schwachen Besucherzahlen an den ersten beiden Tagen aber auch fahrlässig nennen. Immerhin gab der legendäre Peter Erskine gut gelaunt den Drummer für die WDR Big Band. Während Free-Jazz-Übervater Peter Brötzmann erst erstaunlich milde im Schlosshof die Gründerjahre des Moers Festivals abfeierte, um sonntags in der Festivalhalle zu der Avant-Rock-Combo „Oxbow“ mächtig auf seinem Tenorsax zu röhren.

Jazz-Prominenz war die Ausnahme beim diesjährigen Jazz-Treffen am Niederrhein

Echte Jazz-Prominenz bot eigentlich nur der US-Trompeter Ralph Alessi bei seinem schnörkellos modernen Auftritt, dem mit Ravi Coltrane, der nur am Sopransax an den Papa erinnerte, ein kongenialer Partner zur Seite stand. Folglich musste man viele Unbekannte sich selbst entdecken, was ja auch den Reiz eines Festivals ausmacht. Delikat neutönerisch etwa das Streichquartett „Quatuor BRAC“ und erstaunlich poetisch „Mikrosaivo“ um den Duisburger Sänger Tom Liwa.

In der wilden Mischung aus Elektro-Jazz, Modern Folk und Neo-Avantgarde fielen die Frauen besonders auf. Sensationell die Blockflöten-Dialoge der „Artist in Residence“ Josephine Bode mit Dodo Kis. Faszinierend die Keyboard-Gewitter der erst 17-jährigen Domi. Und schlicht anrührend das US-Folk-Duo „Frank Fairfield & Meredith Axelrod“.

Über mangelnde Klasse konnte man sich beim „47. Moers Festival“ jedenfalls kaum beklagen. Ob es freilich eine gute Idee von Tim Isfort war, die meisten Musiker der Hauptbühne auch umsonst und draußen zu präsentieren, bleibt eine Frage, die noch zu klären ist.

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