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Milo Raus aufwühlender Film „Kongo Tribunal“ startet im Kino

Szene aus Milo Raus Dokumentation „Das Kongo Tribunal“

Foto: Real Fiction

Szene aus Milo Raus Dokumentation „Das Kongo Tribunal“ Foto: Real Fiction

ESSEN.   Gerechtigkeit bleibt ein Symbol: Milo Raus „Das Kongo Tribunal“ ist ein aufwühlender Dokumentarfilm und beklemmendes Zeugnis der Machtlosigkeit.

Die ersten Minuten von Milo Raus „Das Kongo Tribunal“ lassen einen erst einmal atemlos und verstört zurück. Ein junger Mann eilt gemeinsam mit dem Schweizer Theater- und Filmemacher durch die staubigen Straßen von Mutarule. Ihr Ziel liegt mitten im Zentrum des kongolesischen Dorfes, das wenige Tage zuvor Schauplatz eines brutalen Massakers war.

Fast sieben Millionen Opfer

Der Student und Aktivist will Rau die auf der Straße aufgebahrten und nur mit Laken und Tüchern bedeckten Leichen zeigen. Schließlich nimmt er eines der Laken weg und offenbart so den Leichnam eines kurz vor seiner Geburt erschossenen Babys, das noch im Mutterleib gestorben ist.

Das Entsetzen angesichts dieses so grausamen wie sinnlosen Verbrechens lässt einen nicht mehr los. Der brutale Mord an dem ungeborenen Kind war zwar nicht der alleinige Auslöser für Raus „Kongo Tribunal“, das im Mai und Juni 2015 an jeweils drei Tagen in Bukavu in der Demokratischen Republik Kongo und in den Sophiensaelen in Berlin stattgefunden hat. Aber es erinnert einen an die Notwendigkeit dieses Projekts. Seit Mitte der 1990er-Jahre wütet im Kongo ein Krieg, der mittlerweile fast sieben Millionen Opfer gefordert hat. Die staatlichen Instanzen sehen entweder zu oder wirken teils auch aktiv mit, wenn multinationale Konzerne regionale Konflikte befeuern oder gar entzünden, um noch billiger an die enormen Rohstoffreserven des Kongo zu gelangen. Blauhelm-Truppen der UNO sind zwar vor Ort. Aber das Blutbad in Mutarule und noch viele mehr haben auch sie nicht gestoppt.

Symbolisch Gerechtigkeit erhalten

Auf die kongolesische Justiz können die Überlebenden des Massakers ebenso wenig hoffen wie die Menschen, die von den internationalen Minengesellschaften enteignet und aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Und genau an diesem Punkt setzt Milo Rau mit seinem Dokumentartheater-Projekt an. „Das Kongo Tribunal“, dessen Vorsitz Jean-Louis Gilissen, einer der Gründer des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, übernommen hat, soll den vom Bürgerkrieg betroffenen Menschen im Ost-Kongo ein Forum bieten, ihre Geschichten zu erzählen und zumindest symbolisch Gerechtigkeit zu erhalten. Wo die Justiz, die Politik und die internationale Gemeinschaft derart versagen wie im Kongo, muss die Kunst tätig werden. Davon ist Milo Rau, der am 4. Dezember in Bochum den Pater-Weiss-Preis überreicht bekommt, fest überzeugt. Seit 15 Jahren widmet er sich in seinen dokumentarischen Projekten den großen politischen Tragödien des 20. und 21. Jahrhunderts und greift dabei immer wieder auf die Form des Prozesses und des Tribunals zurück.

Alle Seiten eines Konflikts beleuchten

Seine Arbeiten klagen aber nicht nur an, sie wollen vor allem aufklären, in dem sie alle Seiten eines Konflikts beleuchten. Darin liegt nun auch die Stärke der Filmversion des „Kongo Tribunals“. In kurzen Einschüben lässt Rau einen teilhaben an den Zeugenbefragungen des Tribunals, vor dem neben politischen Aktivisten und vertriebenen Bergbauern auch Mitarbeiter der Minenkonzerne und hochrangige Politiker aussagen.

Zudem arbeitet Rau aber auch mit klassischen Dokumentarfilmmitteln. Er zeigt die Überlebenden des Massakers von Mutarule und dokumentiert die unwürdigen Lebensbedingungen der Menschen, die von den Konzernen aus ihren Häusern und Dörfern vertrieben wurden. So entsteht ein weit ausholendes Panorama eines Landes, das von multinationalen Unternehmen ausgebeutet wird und dessen Geschicke Europäer, US-Amerikaner und Chinesen manipulieren.

Dokument des Leids und Unrechts

In seinen intensivsten Momenten ist „Das Kongo Tribunal“ ein erschütterndes Dokument all des Leids und Unrechts, auf dem der Reichtum der ersten Welt basiert. Aber letztlich sprengt Raus Anliegen ebenso wie seine Methode den Rahmen eines gut 90-minütigen Dokumentarfilms. Vieles wird nur angerissen, manches erschließt sich nicht, und so überwiegt am Ende das Bedauern. Wie gerne wäre man 2015 die sechs Tage in Bukavu und Berlin dabei gewesen.

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