Kunst

Lutz Rickelt ist Chef des Ikonen-Museums Recklinghausen

Das Ikonen-Museum in Recklinghausen hat einen neuen Leiter. Dr. Lutz Rickelt studierte Byzanti

Das Ikonen-Museum in Recklinghausen hat einen neuen Leiter. Dr. Lutz Rickelt studierte Byzanti

Foto: MATTHIAS GRABEN

Recklinghausen.   Selbst der Chef war nicht von Anfang an ein großer Fan der Ikone. Nun ist Lutz Rickelt in Recklinghausen Leiter einer Sammlung von Weltrang.

Mariengeburt, Kreuzweg, Auferstehung: Lutz Rickelt ist bei seiner Arbeit umgeben von den großen (Sinn-)Bildern des Christentums. Er ist neuer Leiter des bedeutendsten Ikonen-Museums Westeuropas. Dennoch ist die 1956 gegründete Recklinghäuser Sammlung bis heute ein Geheimtipp. Lars von der Gönna sprach mit Lutz Rickelt über Bedeutung und Chance dieser Kunstform.

Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit einer Ikone erinnern?

Lutz Rickelt: Das war zu Beginn meines Studiums der Byzantinistik in Münster, etwa 2003 – und zwar hier, an meiner neuen Wirkungsstätte. Wir hatten das Ikonenmuseum besucht.

Wie war die Wirkung?

Ehrlich gesagt, hat es mich damals noch nicht so interessiert. Ich glaube, es geht vielen Leuten so, dass die Welt der Ikonen erst einmal etwas Fremdes ist. Mich faszinierte zu Beginn meines Studiums eher die politische Geschichte von Byzanz, mit der religiösen Kunst hatte ich damals noch nicht so viel am Hut. Aber das Haus hat mich von Anfang an beeindruckt. Diese Ikonen strahlen ja Würde, Ruhe und Stärke aus – für diese Wirkung ist das ein wirklich guter Ort.

Lutz Rickelt ist Chef des bedeutendsten Museums für Ikonen in Westeuropa

Sprechen Sie mit dem Fremdeln vor der hermetischen Welt der Ikone nicht ein Publikumsthema an? Es ist ja geradezu das Wesen dieser Kunst, das sie mit wiederholenden Motiven arbeitet. Museumsbesucher lieben an Kunst aber das Aufregende, Epoche für Epoche gab es riesige Veränderungen. Wie begegnen Sie dieser engen Schablone?

Was Sie sagen, ist richtig. Aber das heißt nicht, dass es in der Welt der Ikonen keine Vielfalt gäbe. Das hat mit der Verehrung auf einem großen geografischen Feld zu tun, mit unterschiedlichen Malstilen, aber auch mit ihrer Verwendung, von hoher Liturgie bis zur privaten Frömmigkeit, in unterschiedlichsten sozialen Kontexten und Funktionsräumen.

Dennoch: Was Menschen Kunst nennen, leistet sich über Jahrhunderte einen Tabubruch nach dem andern. Im Barock wird die Brust entblößt, bei Picasso ist sie eckig...

Wir reden ja von Heiligem. Eine Begründung – trotz des Bilderverbotes, welches das Alte Testament festschreibt – Göttliches und Heiliges überhaupt abbilden zu dürfen, ist: „Wir malen so, wie z. B. Christus als Mensch ausgesehen hat.“ Dafür gab es entsprechende Urbilder, die er selbst hervorgebracht haben soll: Davon abzuweichen, verbietet sich schlüssigerweise. Da wäre alles Hinzufügen und jeder Versuch, aus Lust am Originellen kreativ abzuweichen, schon gotteslästerlich. Die Ikone ist als sakrales Objekt eben viel mehr ist als nur ein religiöses Bild. Aber es gibt Tabubrüche. Die Darstellung von Gottvater wurde in der orthodoxen Welt mehrmals verboten, dennoch gibt es sie.

Recklinghausens Ikonen-Museum besitzt einen Schatz von Weltrang

Ikonen umweht auch aus anderen Gründen eine besondere Aura. Sie werden gestohlen, im Auftrag von Liebhabern. Eine Parallelwelt aus Sammlern. Woran liegt das?

Gute Frage. Natürlich ist es erst einmal sehr wertvolle Kunst, die diese Aura grundsätzlich umweht. Und Ikonen haben sehr wechselvolle Zeiten erlebt. In Sowjetzeiten war diese Kunst zumindest offiziell nicht so beliebt, viel ging gegen Devisen ins Ausland, manches auch illegal. Nun ist die Bewegung umgekehrt.

Der Markt ist leergefegt, ein Liebhaber-Terrain. An Großes kommt man durch den guten Ruf Ihres Hauses allein durch Schenkung oder?

Das stimmt. Und es hat für mich sehr gut angefangen: Gerade ist die Unterschrift trocken unter dem Schenkungsvertrag mit einem Sammler, der seit seinem 18. Lebensjahr Ikonen zusammenträgt. Eine tolle Sammlung, 2020 werden wir sie zeigen.

Der Begriff Ikone wird inflationär genutzt – es gibt ja auch Radsport-Ikonen. Ist das gut oder schlecht für Sie?

Zweischneidig. Aber es ist auch ein Anknüpfungspunkt in die Welt abseits des Weihrauchs. Selbst Schüler kennen das Wort. So kommt man ja auch zum Thema.

Über sakrale Kunst wissen Menschen immer weniger, das stellt das Ikonen-Museum vor neue Aufgaben

Sie sind Herr über einen der wertvollsten Kunstschätze Westfalens – und, was das konkrete Sammelgebiet betrifft, weit darüber hinaus. Jede Ikone ist einzeln hochversichert. Gewöhnt man sich an das Leben in einem millionenschweren Kunst-Tresor?

Also, man muss schon innehalten, wenn man sich das klarmacht. Zum Glück tritt das bei der täglichen Arbeit in den Hintergrund.

Wenn Sie sich eine Ikone für Ihr Haus wünschen dürften...?

In einer syrischen Sammlung gibt es eine Ikone, auf der ein männlicher Heiliger in tiefstem Kniefall zu Füßen einer weiblichen Heiligen zu sehen ist. Diese Form männlicher Verehrung für eine Frau, die nicht die Gottesmutter ist – das ist schon außergewöhnlich und wirft interessante Fragen über Geschlechterrollen auf Ikonen auf.

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ZUR PERSON

Lutz Rickelt, geboren 1974 in Bremen

Ein Buch, das mich beeindruckt hat: Carlos Ruiz Zafóns „Der Schatten des Windes“

Bestes Schulfach: Geschichte

Schlechtestes: Mathematik

Musik, die mir gut tut: Opern, Wagner und Verdi

Schöne Dinge, die Sie außerhalb des Berufs tun: Modellbau, Schiffe

Ihr letztes Modell: Die „Santa Maria“, aber das ist lange her

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