Literatur

Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk liest in Essen

Die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk

Die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk

Foto: Britta Pedersen / dpa

Rückwirkend für 2018 hat die polnische Autorin Olga Tokarczuk den Literaturnobelpreis erhalten. Sonntag liest sie bei der Lit.Ruhr in Essen.

Am Sonntag wird Olga Tokarczuk in Essens Alter Synagoge lesen, vor Wochen schon lud die Lit.Ruhr sie ein: Da war die 57-jährige Polin noch nicht Literaturnobelpreisträgerin – und Deutschland war noch nicht erschüttert von einem auf Juden gerichteten Anschlag, der einmal mehr Fragen zu Toleranz und Offenheit der Gesellschaft aufwirft.

Nun aber wirkt es wie ein Kommentar zu alleraktuellsten Gegenwart, wenn Tokarczuk ihren Roman „Die Jakobsbücher“ am geschichtsträchtigen Ort aufblättert: Auf 1100 Seiten zeichnet sie ein vielstimmiges Porträt der historischen Figur Jakob Frank (1726-1791), diesem umtriebigen, geradezu rastloser Grenzgänger zwischen Religionen, der mit seiner Gefolgschaft vom Judentum zum Islam zum Katholizismus wechselte – als ginge es im Kern immer um denselben Gott! Man stelle sich vor.

Olga Tokarczuk arbeitete zunächst als Psychotherapeutin

Dies Plädoyer für Vielfalt und Freiheit zieht uns fabulierfreudig hinein in eine Welt im Umbruch, die sich dem Fremden stellen muss. Als das Buch 2015 in Polen erschien, erhielt Olga Tokarczuk einmal mehr den wichtigsten polnischen Literaturpreis Nike und die ersten Morddrohungen ihres Lebens: Sie hatte in ihrem Werk und in anschließenden Interviews die dunklen Flecken polnischer Historie beleuchtet, hatte, so Tokarczuk selbst, „dabei auch nicht jene schrecklichen Dinge verborgen, die wir als Kolonialherren getan haben, als Mehrheitsnation, die die Minderheit drangsaliert hat. Als Herren über Sklaven, als Mörder von Juden.“

Tokarczuk, studierte Psychologin, arbeitete zunächst als Therapeutin, bevor sie einen eigenen Verlag gründete und erste Werke veröffentlichte. Die Theorien C.G. Jungs nannte sie in einem Interview eine wichtige Basis ihrer schriftstellerischen Arbeit. So entwirft sie in ihrem Roman „Ur und andere Zeiten“, der ihr Ende der 90er Jahre zum Durchbruch verhalf, im fiktiven Städtchen Ur ein märchen- und sagenhaftes Panorama menschlicher Gestalten, die von Engeln bewacht werden – ein wahres Getümmel der Archetypen.

Schauspielerin Katja Riemann liest den deutschen Part

Auch in ihren Erzählungen, die oft um Fragen von Heimat und Familie kreisen, gibt sie Tag und Traum gleichermaßen Raum, lässt das Unbewusste märchenhaft, poetisch zu Wort kommen. Zugleich sind ihre Figuren oft geerdete Dorfbewohner, tief mit einer schroffen Landschaft verwurzelte Einsiedler, die in der Überschaubarkeit der Provinz inneren Halt zu finden scheinen.

Olga Tokarczuk selbst lebt seit langen in einem Dorf nahe der tschechischen Grenze, zieht sich zum Schreiben zurück in die sprichwörtliche Hütte in den Bergen. Dass ihr trotz der hohen Ehrung genug Schreibruhe bleibt, ist der Literaturnobelpreisträgerin zu wünschen.

Lesung: So., 13.10,., 17 h Alte Synagoge Essen. Deutscher Text: Katja Riemann. www.lit.ruhr. Tickets: 0201/8046060.

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