Graphic Novel

„Hunger“ bis zum Tod: Ein Meisterwerk von Martin Ernstsen

Die Illustrationen in „Hunger“ wechseln zwischen fröhlich-bunt und depressivem Schwarz-Weiß.

Die Illustrationen in „Hunger“ wechseln zwischen fröhlich-bunt und depressivem Schwarz-Weiß.

Foto: avant verlag

Berlin.  In der Graphic Novel „Hunger“ verschwimmen die Grenzen von Fantasie und Wirklichkeit. Martin Ernstsen gelingt ein Werk, das unter die Haut geht.

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Von Cornelia Wolter


Als „Hunger“ von Knut Hamsun vor knapp 130 Jahren erschien, war der Roman eine literarische Sensation. Hauptfigur ist ein namenloser Schriftsteller, der meist so arm ist, dass es weder für Miete noch Essen reicht. Oft hungert er tagelang. Was den Roman so außergewöhnlich machte, ist die Art des Erzählers.

Die aus dem Hunger resultierenden Wahnvorstellungen werden als „Stream of Consciousness“ erzählt, also als anscheinend ungefilterter Gedankenstrom – eine Erzähltechnik, die viele Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, darunter James Joyce oder Franz Kafka, inspirierte. „Hunger“ verhalf dem Norweger Knut Hamsun zum literarischen Durchbruch und gilt als einer der ersten Romane der Moderne.

Historisches Oslo in Sepiafarben

Die Graphic Novel von Martin Ernst­sen beginnt mit dem gleichen, ungemein starken Satz wie der Roman: „Damals lief ich hungernd durch Kristiania, diese wunderliche Stadt, die keiner verlässt, ohne von ihr gezeichnet zu sein.“ Im Comic allerdings bildet das erste Bild einen Kontrast dazu: In Sepiafarben sieht man hier ein Gebäudeensemble, das eher an liebliches Land- statt hartes Großstadtleben denken lässt. Ernstsen betonte in einem Interview, dass er Kristiania, wie Oslo damals hieß, historisch detailgetreu gezeichnet hat.

Anders als in der Romanvorlage hat der Ich-Erzähler im Comic einen Namen: Knud Pedersen. Dem ist allerdings nicht zu trauen, da man als Leser nie sicher ist, ob das, was er erzählt, wahngetriebene Gedanken sind oder Dinge, die er wirklich erlebt. Es ist eine große Stärke dieser Graphic Novel, dass sie immer wieder Bilder für sich stehen lässt, ohne Kommentare oder Interpretationen.

Ernstsen zeigt die verschiedenen Zustände seines Protagonisten auf unterschiedliche Weise. Bei ihm wandelt sich der Held innerlich und äußerlich. Wenn Pedersen lügt, erfindet oder fantasiert, wird er schon einmal zu einem unterwürfigen Hund, einer kriechende Schnecke oder einer kleinen drallen Figur.

Etwas dick aufgetragen

Diese Verwandlungen stehen in starkem Kontrast zu den sepiafarbenen Stadtszenen: Plötzlich wird die Figur bunt und der Zeichenstil wechselt drastisch ins Cartoonhafte. Dieser Stilbruch ist etwas zu dick aufgetragen. Denn die starke Wirkung erzielt die Graphic Novel woanders. Etwa durch serienhafte Abfolgen von Bildern, die wie Filmsequenzen hintereinanderliegen und Hunger und Elend des Protagonisten minutiös schildern und verdeutlichen.

Pedersen ist bei Weitem kein Sympathieträger. Doch er hat Hunger, er isst Holzsplitter und verdorbene Orangenschalen aus dem Rinnstein – ihm mangelt es an allem und er ist auf die wahrlich schlimmstmögliche Weise einsam: Er ist allein unter Menschen. Das ist es, was einem beim Lesen so unter die Haut fährt.

Hunger
von Martin Ernstsen, nach dem Roman von Knut Hamsun
Avant Verlag, 220 Seiten, 30 €
Wertung: 5 / 5 Punkten.

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