Literatur

Ein Roman als Waffe: Lara Prescotts „Alles, was wir sind“

Boris Pasternak (1890-1960) schrieb das Original von „Dr. Schiwago“.

Boris Pasternak (1890-1960) schrieb das Original von „Dr. Schiwago“.

Foto: Lisa-Blue/Getty Images/iStockphoto

Berlin.  „Alles, was wir sind“ von Lara Prescott schildert die Entstehung von Boris Pasternaks ewigem Klassiker „Doktor Schiwago“.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Es geht um Geheimagenten, um Liebe, den Kalten Krieg, Homosexualität – und es geht um einen der berühmtesten Romane der Welt: „Doktor Schiwago“. Der Debütroman der Amerikanerin Lara Prescott spielt in den 1950er-Jahren, sowohl in den USA als auch in der Sowjetunion.

Prescott lässt ihre Leser in „Alles, was wir sind“ jeweils schlaglichtartig in die Leben mehrerer Menschen blicken. Bei ihr sind das vor allem Frauen, die in beiden Ländern in jener Zeit allenfalls unterschätztes Beiwerk sind, etwa Olga Iwinskaja, die Muse Boris Pasternaks, dem Autor von „Doktor Shiwago“, der bei Prescott ohne C geschrieben wird.

Die Handlung von „Alles, was wir sind“ basiert auf CIA-Akten

Prescott hat lange für diesen Roman recherchiert, vieles, was sie erzählt, sind historisch verbürgte Fakten, die Lücken füllt sie mit Fiktion. Vor allem inspiriert wurde sie durch die 2014 von der CIA teilweise freigegebenen Akten, in denen beschrieben ist, wie die USA in den 1950er-Jahren an der Veröffentlichung von „Doktor Shiwago“ auf Russisch arbeiteten. So erhält man interessante Einblick in die damalige Geheimdienstarbeit.

Der Roman war in der Sowjetunion verboten, wurde dort erst gar nicht veröffentlicht. Doch es gelang, das Manuskript ins Ausland zu schmuggeln, „Doktor Shiwago“ wurde ein Welterfolg, alsbald in unzählige Sprachen übersetzt. Und die CIA arbeitete daran, dass das Buch auch auf Russisch gedruckt und in die Sowjetunion geschmuggelt wurde.

Denn man glaubte fest an die propagandistische Macht von Literatur; an die Macht von Worten in einem Land, das so auf seine Dichter versessen ist. „Doktor Shiwago“ wurde als regimefeindlich angesehen, weil darin die Oktoberrevolution und der sowjetische Alltag nicht gut wegkamen, doch vor allem ist es ein Liebesroman über Lara und Yuri.

Hauptfiguren Olga und Boris

Bei Prescott werden die beiden zu Olga und Boris. Tatsächlich war Olga diejenige, die den bereits verheirateten Pasternak zu Lara inspirierte. Prescott spiegelt die Liebesmotive und Schicksale aus „Doktor Shiwago“ in ihrem Roman, und zwar bei den verschiedenen Figuren in „Osten“ und „Westen“, wie die Kapitel überschrieben sind. In der amerikanischen Geheimdienstbehörde etwa müssen zwei Figuren ihre Liebe verstecken, weil Homosexualität strafbar ist, eine Denunzierung durch Dritte bedeutete das Ende der Karriere oder gar Schlimmeres.

„Alles, was wir sind“ ist kein Agententhriller, den man atemlos verschlingt. Doch es ist ein spannend und vor allem ausgewogen konzipierter Roman in einer klaren, klischeefreien vorwärts treibenden Sprache und ohne ideologische Überzeichnung. Es ist ein Buch über Politik, Macht und vor allem über Liebe – genau wie es „Doktor Schiwago“ damals war.

Alles, was wir sind
von Lara Prescott
Rütten & Loening, 475 S., 20 €
Wertung: 5 / 5 Punkten

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben