Literatur

„Das Gewicht der Zeit“ entführt ins Chaos von Malaysia

Botanische Gärten vorne, Singapur hinten – in Malaysia spielt Jeremy Tiangs Roman „Das Gewicht der Zeit“.

Botanische Gärten vorne, Singapur hinten – in Malaysia spielt Jeremy Tiangs Roman „Das Gewicht der Zeit“.

Foto: Bret Clay / Getty Images/iStockphoto

Jeremy Tiang erzählt in „Das Gewicht der Zeit“ von einer Familie in Malaysia – und ihrer Suche nach einer Frau, die politische Aktivistin wurde.

Jasons letzte Gedanken gelten nicht seiner Tochter, die an seinem Krankenbett sitzt und strickt. Sie könnten sich unterhalten, aber sie schweigen. Lieber würde Jason mit seinem Sohn Henry sprechen, doch der arbeitet im fernen Großbritannien. Zeit, zu seinem Vater nach Malaysia zu fliegen, meint er, nicht zu haben.

In Jeremy Tiangs Debütroman „Das Gewicht der Zeit“ leben Vater, Tochter und Sohn aneinander vorbei und bleiben doch miteinander verkettet – durch die Abwesenheit der Mutter. Tiang, 1977 in Singapur geboren, hat in den USA Kurzgeschichten und Theaterstücke geschrieben, bevor er „Das Gewicht der Zeit“ veröffentlicht und dafür 2018 den Literaturpreis von Singapur erhalten hat.

Dunkle Kapitel der Kolonialgeschichte

Ein politisches Zeichen, denn „State of Emergency“ („Ausnahmezustand“), so der treffendere Originaltitel, handelt von dunklen Kapiteln in der Geschichte Südostasiens, von Verbrechen britischer Kolonialsoldaten, dem Machtgerangel nach der Unabhängigkeit Malaysias, vom Kalten Krieg, der Angst vor einer Expansion des chinesischen Kommunismus, linken Guerillas und von Folter in Singapur.

Die Familie von Jason und Henry hat all das durchlebt – angefangen von dem Massaker 1948, als britische Soldaten im Dorf Batang Kali Zivilisten erschossen. „Dieser eine Tag liegt zweiundzwanzig Jahre zurück und das Leben der Menschen ist davon immer noch überschattet“, lässt Tiang die Londoner Journalistin Revathi resümieren, die sich im Jahr 1970 aufmacht, vor Ort über das Verbrechen zu recherchieren.

Dank der Figur der Journalistin kann Tiang die historischen Hintergründe spannend entrollen, so, wie Revathi mit ihrer Arbeit vorankommt. Auch das entspricht den Fakten: Es waren englische Zeitungen, die zuerst über die Verbrechen britischer Armeeangehöriger im ehemaligen Malaya berichteten.

Wunderbarer Detailreichtum

Trotz vieler Personen und Schauplätze bleibt „Gewicht der Zeit“ übersichtlich, auch, weil Tiang seinen sechs Protagonisten chronologisch nach Geburtsjahrgängen sortiert je ein Kapitel widmet. Neben Vater, Sohn, Tochter und Journalistin sind das auch Henrys in Singapur inhaftierte Cousine sowie der zweite Mann seiner Mutter, ein Guerillakämpfer.

Und die Mutter selbst, Siew Li, eine politische Aktivistin, der Henry mit Hilfe der Journalistin schließlich auf die Spur kommt. Dank des einfachen Aufbaus kann Tiang Jasons und Henrys Trauer über die versäumten Gespräche gebührend Raum geben. Und sich darauf konzentrieren, viele wunderbare Details zu zeichnen, die der Handlung Farbe geben.

Das Gewicht der Zeit
von Jeremy Tiang
Residenz Verlag, 304 S., 24 €
Wertung: 4 / 5 Punkten

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