Kirchenaustritt

Kirchenaustritte: Wie hoch ist die Zahl wirklich?

Die Kirche in NRW verliert immer mehr Mitglieder.

Die Kirche in NRW verliert immer mehr Mitglieder.

Foto: Ingo Wagner / picture alliance / dpa

Hagen.  Kirchenaustritte: Pater Langendörfer von der Deutschen Bischofskonferenz weiß, dass viel Vertrauen verspielt wurde.

Die Zahlen lassen sich nicht schönreden. Doch über ihre Bewertung gehen die Meinungen auseinander. Während Münsters Bischof Felix Genn die dramatisch gestiegenen Kirchenaustritte direkt mit dem Missbrauchsskandal verknüpft, bleibt Alfons Hardt, Generalvikar des Erzbistums Paderborn, bei der Ursachensuche vage.

In der Vergangenheit habe die Kirche das Leid der Betroffenen nicht gesehen und daher im Umgang mit den Tätern falsch gehandelt, sagte Genn: „Ich kann sehr gut verstehen, dass Menschen sich zu diesem Schritt entscheiden. Ich werde dafür Sorge tragen, dass die persönlichen Verantwortlichkeiten aufgearbeitet werden - nicht aus Rache, sondern zum Wohle der Gerechtigkeit.“

Zahlen bestätigen einen Trend

Alfons Hardt analysierte dagegen: „Was führt zu diesen Austritten? Gründe dafür gibt es verschiedene, sie sind uns nicht sicher bekannt. Der entscheidendste Grund für einen Austritt liegt auf der je persönlichen Ebene, wahrscheinlich in einem schrittweisen persönlichen Entfremdungsprozess, der dem Austritt als letzten Schritt vorangeht. Hier ist es unsere Aufgabe, die Menschen in der Gemeinschaft der Kirche zu halten, sie anzusprechen, zu begleiten.“

Für die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) sind die Zahlen alarmierend. „Die aktuelle Statistik ist besorgniserregend“, sagte DBK-Sekretär Pater Hans Langendörfer: „An den Zahlen ist nichts zu beschönigen, sie bestätigen einen Trend, der schon in den vergangenen Jahren prägend für die Kirche war.“ Man wolle aufgrund der für die Kirche negativen Entwicklung „umso selbstkritischer und konstruktiver mit den aktuellen Zahlen umgehen“.

Katholikenzahl im Erzbistum Paderborn halbiert sich Im Jahr 2018 haben bundesweit 216.078 Katholiken vor den staatlichen Behörden ihren Austritt erklärt, so die aktuelle Statistik. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs traten nur 2014 nach dem Skandal um den Limburger Bischof Tebartz-van-Elst mehr Katholiken aus der Kirche aus. Bereits im Mai hatten die beiden großen Kirchen eine Prognose veröffentlicht, wonach sich die Zahl der katholischen und evangelischen Christen in Deutschland halbieren werde.

Bei den Kirchenaustritten lagen die evangelischen Landeskirchen mit 220.000 weiterhin leicht höher als die katholische Kirche. Allerdings muss die katholische Kirche mit einem Plus von 29 Prozent eine stärkere Steigerung der Austrittszahlen hinnehmen als die EKD mit einem Plus von 11,6 Prozent.

Kirche erlitt einen Entfremdungsprozess

Für Pater Langendörfer hat die Kirche einen Entfremdungsprozess erlitten, beziehungsweise dazu aktiv beigetragen. Das daraus resultierende Misstrauen führe zu Austritten. Initiativen wie „Maria 2.0“ zeigten, „dass die Menschen sich Veränderungen in der Kirche wünschen“. Diese Kritik werde der im Frühjahr 2020 beginnende „synodale Weg“ aufgreifen, versprach der DBK-Sekretär.

Kirchen laufen Mitglieder davon - Weg mit der Kirchensteuer? Pater Langendörfer sieht die Kirche vor „enormen Herausforderungen“. Es müsse ein Wandel vollzogen werden, um die verlorene Glaubwürdigkeit und das verspielte Vertrauen wiederherzustellen.

Für die Organisation „Wir sind Kirche“ ist dagegen nicht nur der „schleppende Umgang mit sexualisierter Gewalt“ ursächlich für den Entfremdungsprozess, sondern auch die organisatorischen Veränderungen in den Bistümern. „Wenn sich die Bischofskonferenz jetzt bemühen will, den Menschen eine Beheimatung in der Kirche zu geben, so sind endlich die theologisch wie pastoral höchst fragwürdigen Strukturreformen in Form von Pfarreizusammenlegungen und -schließungen auf den Prüfstand zu stellen, die auf die Zahl der immer weniger werdenden Priester ausgerichtet sind.“

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