"Wilde Unschuld"

Ein Inzest bleibt ohne Erklärung

Foto: Concorde

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Der Videokünstler Tom Kalin lässt sich Zeit zwischen seinen Kinofilmen.

Nach dem preisgekrönten Homosexuellen-Drama "Swoon" (1992) zeichnet er nun in "Wilde Unschuld" die tatsächliche Familiengeschichte des Bakelit-Erben Brooks Baekelands (Stephen Dillane), seiner Frau Barbara (Julianne Moore) und ihres Sohnes Tony nach. 1959 schlagen die Baekelands ihre Zelte in Europa auf: Paris, die Mittelmeer-Küste, Mallorca und London sind die Stationen.

Als Tony erste homosexuelle Neigungen offenbart, zeigt nur die Mutter Verständnis. Schließlich brennt der Vater mit der Freundin seines Sohnes durch. Auch Barbara holt sich einen jüngeren Liebhaber ins Bett, das man aber schon bald mit Sohn Tony teilt. Nach einem fehlgeschlagenen Selbstmordversuch Barbaras kommt es 1972 In London zur Katastrophe.

Spätestens als die Mutter ihren 14-jährigen Filius fragt, ob er sie auch noch lieben wird, wenn sie alt ist und ihre Brüste hängen, ahnt man, worauf der Film zusteuert. Und doch bleibt er bis zum finalen Tabu-Bruch merkwürdig zurückhaltend. "Wilde Unschuld" kommt eher als psychologisierendes Kammerspiel daher. Elegant an der Oberfläche entlang fotografiert, nie in die Tiefe gehend. Genauso wenig wie das Drehbuch die Motive des Mutter-Mordes nachvollziehbar aufbricht, genauso wenig gelingt dem Film der Ausbruch in die Außenräume.

Noch störender für die Glaubwürdigkeit ist aber, dass Julianne Moore in den 27 Jahren nicht sichtlich altert, während Tony von zwei Schauspielern dargestellt wird. So kommt man etwas ratlos aus diesem Film, der letztlich keine künstlerische Entsprechung für das Inszest-Thema findet.

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