Der düstere Todesengel mit dem Bolzenschussgerät

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Früher, so erinnert sich Sheriff Ed Tom Bell, da mussten Gesetzeshüter nicht unbedingt bewaffnet sein. Sein Vater nicht und auch nicht sein Großvater, die alle auch schon den Stern trugen.

Und dann erzählt er von dem Teenager-Mörder, den er kürzlich auf den Elektrischen Stuhl geschickt hat, weil er seine 14-jährige Freundin umgebracht hatte. Kein Mord aus Leidenschaft, wie man das hätte vermuten können, sondern einfach ein Mord um des Tötens willen. Will sagen: Nichts ist mehr rational heutzutage.

In dem Neo-Western "No Country For Old Men" von Joel und Ethan Cohen, der gerade mit vier Oscars dekoriert wurde (siehe oben) verklärt einer ungeniert die Vergangenheit, weil die Gegenwart ihm immer rätselhafter erscheint. Eher verwundert als verbissen folgt der Ermittler alter Schule (großartig: Tommy Lee Jones) neuerdings einer unangenehm breiten Blutspur, die sich von einem missglückten Drogendeal in der texanischen Wüste inzwischen bis in die Städte zieht.

Dort in der Wüste hat der Arbeiter Llewellyn Moss (Josh Brolin) bei der Jagd einen Haufen Leichen, einen Riesenberg Rauschgift und vor allem einen Koffer mit zwei Millionen Dollar gefunden - und mitgenommen. Seitdem ist ein reichlich verrückter Auftragskiller mit Namen Anton Chigurh (frischer OscarPreisträger: Javier Bardem) hinter ihm her, kennt kein Pardon und tötet weitaus mehr Menschen, als sein Auftrag eigentlich vorsieht.

Zwölf Jahre nach dem Meisterwerk "Fargo" und 24 Jahre nach ihrem fulminanten Debütfilm "Blood Simple" sieht man die Gebrüder Coen hier wieder ganz auf der Höhe ihrer Kunst. Ihr neues Werk registriert erstaunt die Abartigkeit modernen Verbrechens, das völlig irrational über die Menschen hereinbricht. Chigurh ist sein Repräsentant: Wie ein düsterer Todesengel beschreitet dieser unberechenbare Gunman mit der unpassenden Langhaar-Frisur und seiner noch unpassenderen Luftkompressionskanone unbeirrbar seinen Weg. Jedes Gespräch mit ihm birgt die Gefahr in sich, nicht mehr lebend davonzukommen. Die Dialoge in diesen Szenen, die sich plötzlich aufzuladen scheinen und unmerklich in ein Spiel um Leben und Tod umschlagen, zeugen von der Sorgfalt, mit der hier ein Drehbuch komponiert wurde.

Llewellyn hat im Grunde keine Chance, mit dem Drogengeld diesem "Schwarzen Mann" zu entkommen. Die zahllosen Motels, die er aufsucht, sind nur kurzzeitig trügerische Schutzburgen, bevor der Tod in Gestalt von Chigurh erneut vor der Tür steht. Der Killer folgt dabei einer Logik, die niemanden lange genug am leben lässt, um sie ganz begreifen zu können. "Halten Sie einen Moment still" sagt der Mann in Schwarz einmal zu einem Autofahrer, dessen Wagen er haben will - und drückt ihm dabei seelenruhig das Bolzenschussgerät an die Stirn.

Der Sheriff und das bleiche Gespenst des Bösen treffen nie aufeinander. Es wäre eine Begegnung, die mindestens einer von beiden nicht überleben würde. Womit der Film unweigerlich seine fragile Balance im Dreieck dieser Männer verlieren würde. Nur einmal, da kommen sie sich sehr nahe, sind nur durch eine Tür getrennt und wissen doch nicht voneinander. Wie Kameramann Roger Deakins diesen Moment der Todesnähe optisch umsetzt, das allein ist ein Moment für die Ewigkeit.

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