Theologie

Jesus - Kinderschreck und Auswanderer?

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Siegen. Jesus als Kinderschreck, der Spielkameraden verdorren ließ oder die Tortur am Kreuz überlebte? Der Siegener Theologe Bernd Kollmann hat sich in einem Buch mit Jesus-Mythen auseinandergesetzt. Kollmann erklärt, woher die Faszination rührt.

Die Geschichte des Christentums muss neu geschrieben werden. Denn eigentlich war Jesus der Sohn eines römischen Legionärs. Und er starb auch nicht qualvoll am Kreuz, sondern überlebte die Tortur, um anschließend nach Indien auszuwandern. Dort starb er, hochbetagt, erst Jahrzehnte später.

Alles Unsinn? Hanebüchen und an den Haaren herbei gezogen? Sicher. Trotzdem haben solche und zahllose andere Mythen und Legenden um die Frühzeit des Christentums in Allgemeinen und Jesus Christus im Besonderen Hochkonjunktur. Bibel-Thriller wie Dan Browns „Sakrileg” und pseudo-wissenschaftliche Abhandlungen über immer neue angeblich sensationelle „Enthüllungen” aus der Urzeit der Christenheit erobern die Bestsellerlisten. Woher diese Faszination?

Gewaltiges Interesse an der Person Jesu

„Die Aufdeckung von Geheimnissen und Verschwörungstheorien übt auf auf viele Menschen eine geradezu magnetische Anziehungskraft aus”, sagt Professor Bernd Kollmann (49), Bibelwissenschaftler und Professor für Evangelische Theologie an der Universität Siegen. Es herrsche ein gewaltiges Interesse an der „Person Jesu” und die Anfänge des christlichen Glaubens. Ein Interesse, so Kollmann, dass sich freilich nicht immer in Bahnen bewege, „wie es vom theologischen Standpunkt aus wünschenswert wäre”.

Und weil es einen Theologie-Professor eben wurmt, dass noch die abstrusesten Sensationsgeschichten Heerscharen von Lesern finden, während immer weniger Menschen einen Blick in die Bibel werfen, obwohl diese doch „das spannendste aller Bücher” sei, hat der Theologe nun selbst ein Buch geschrieben.

Er wurde 80 Jahre alt

Bernd Kollmanns gerade im Herder-Verlag erschienener Band „Jesus-Mythen” - Sensationen und Legenden” fasst knapp zwei Dutzend dieser pseudo-historischen Geschichten zusammen. Die Palette reicht von angeblichen Geschichten aus der Kindheit Jesu („Spielkameraden, die ihn ärgern, lässt der Wunderknabe verdorren oder tot umfallen”) bis hin zum 80-jährigen Christus, der auf der Festung Masada einen Abschiedsbrief verfasst. Letztere Theorie wurde erst unlängst wieder durch Kathy Reichs' Thriller „Totgeglaubte leben länger”, der diese Geschichte aufnimmt, populär.

„Das weit verbreitete Interesse für solche Geschichten”, glaubt Experte Kollmann, „paart sich oft mit einer kritischen Haltung gegenüber der Kirche.” Die Idee, dass die Geschichte vor 2000 Jahren ganz anders verlief, als die Heilige Schrift sie uns heute noch erzählt, und dass die Kirche die eigentliche Wahrheit unterdrückt, um ihre Macht nicht zu verlieren - „das ist der Stoff, aus dem die Verschwörungsträume sind”, so Kollmann.

Schriftrollen aus der Zeit Christi Geburt

Gleichwohl muss auch der Religionswissenschaftler einräumen, dass er die Faszination für die Ur-Christenzeit nachvollziehen kann, wenn auch ohne abwegige Enthüllungs-Geschichten. „Ich war selbst mehrfach in Israel”, erzählt er. Dort besuchte er etwa die Fundstätte von Qumran am Toten Meer, wo ein Hirtenjunge 1947 Tonkrüge mit Schriftrollen aus der Zeit um Christi Geburt fand - eine der größten archäologischen Sensationen des 20. Jahrhunderts.

„Es ist faszinierend, auf dem selben Boden zu stehen, auf dem vor fast 2000 Jahren die Essener standen”, erzählt Kollmann. Qumran, so die bisherige Lesart, war eine Siedlung dieser religiösen Gruppe. Doch auch diese Theorie wird inzwischen in Frage gestellt. Neueren Forschungen zufolge sehen Qumran als Landgut oder Forschungszentrum, ohne religiösen Hintergrund.

"Ungebrochenes Interesse"

Kollmann versucht, all den Mythen und Legenden, die er in seinem Buch unter die Lupe nimmt, etwas Positives abzugewinnen. „Immerhin zeugt die Faszination, die von den Geschichten ausgeht, von einem ungebrochenen Interesse an Jesus und dem Christentum.” Er jedenfalls sei „gespannt, welche Sensation als nächste enthüllt und vermarktet wird”.

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