Literatur

Jacqueline Thör schreibt im Debütroman über ein Zwitterwesen

Jaqueline Thör

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Foto: transcript / Handout

Essen.  „Nenn mich einfach Igel“ heißt der Debütroman der Essenerin Jacqueline Thör. Es geht um einen Menschen, der weder Mann noch Frau ist.

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Selten wohl war die Wahl des Ich-Erzählers so zwingend wie in Jacqueline Thörs Debütroman „Nenn mich einfach Igel“. Denn Igel ist weder Er noch Sie, weder Mann noch Frau. Sondern beides: ein Hermaphrodit, ein Zwitter. Wie begrenzt die Sprache ist, führt uns das dritte Geschlecht vor Augen; sollen wir einen Menschen ernsthaft ein Es nennen?

Igel also, benannt nach Grimms Märchen vom ungeliebten Stachelkind, lebt in einer Wohngruppe. Igels Mutter weilt zum x-ten Alkoholentzug in einer Klinik, während die Wohngruppen-Ersatzmutter Louise einen Neuzugang vorstellt, der Igels Leben verändern wird: Sascha gehört zur radikalen „Merkur“-Bewegung, deren durchweg androgynen Mitglieder sie Igel in einer durchtanzten Partynacht im Untergrund vorstellt.

Jacqueline Thör weiß ihre erzählerischen Mittel zu nutzen – eine souveräne neue Stimme

Jacqueline Thör, 1993 in Essen geboren, hat an den Unis Bochum und Essen Literaturwissenschaften studiert. Ihr Debüt ist mit allen literarischen Wassern gewaschen, zitiert märchen- und sagenhaftes Kulturgut von Lewis Carrolls Alice im Wunderland bis zu E.T.A. Hoffmanns Fantasiestücken. Die Stacheln, die Igel ausfährt, scheinen über jede Metapher hinaus sehr real, wenn Igel sich damit immer wieder nur selbst verletzt. Wie überhaupt das Märchenhafte nur die glitzernde Folie ist für eine Geschichte, die höchst gegenwärtig vom S-Bahn-Surfen und erstem Sex, von Mutterliebe und Missbrauch erzählt. Dies so brutal, wie es auch die Märchenwelt tut, mit dramatischen Wendepunkten und erschütterndem Schluss, der aber von jedem „Und wenn sie nicht gestorben sind“-Glück weit entfernt ist. Jacqueline Thör weiß ihre erzählerischen Mittel zu nutzen – eine souveräne neue Stimme.

Jaqueline Thör: Nenn mich einfach Igel. Elif Verlag, 187 S., 20 €. Lesung: 28.11., 19.30 im Essener Café Livres (Moltkestr. 2a) im Rahmen der Reihe „Das Debüt“. Eintritt frei, Reservierungen: info@dasdebuet.de.

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