Musik

In Moers jazzt die Welt vielstimmig

Joshua Redman, Saxofonist aus Amerika, beim Projekt „Moers Abstractions" mit der Bigband des WDR.

Joshua Redman, Saxofonist aus Amerika, beim Projekt „Moers Abstractions" mit der Bigband des WDR.

Foto: André Hirtz / Funke Foto Services

Moers.  Tim Isfort bot mit dem „48. Moers Festival“ eine bunte Mischung globaler Klänge – von Klanggewittern über Kammerjazz bis zum Synthi-Abenteuer.

Die Zeiten ändern sich – auch für das „Moers Festival“, das einst als leuchtender Solitär über Pfingsten neugierige Jazzfans aus ganz Europa an den Niederrhein zog. Doch längst gibt es musikalische Alternativen zuhauf – für Gelegenheitshörer etwa gleich nebenan in Düsseldorf. Insofern hatte das diesjährige Motto „Strengt Euch an!“ von Moers-Macher Tim Isfort neben dem von einem Panzer (!) auf der Bühne garnierten Imperativ ans Publikum auch das zarte Odeur der Selbstbeschwörung.

Keine Frage nach vier wild gemischten Festivaltagen: Seine Anstrengungen, diesem Pfingstereignis ein neues Gesicht zu geben und es nachhaltig auch in der Moerser Stadtgesellschaft zu verankern, zeigen zunehmend Wirkung. Wann gab es das schon einmal in der 48-jährigen Historie, dass der Bürgermeister höchstselbst die erste Band vorstellte? Oder dass die Moerser nicht nur zum Freak-Gucken das kunterbunte Festivaldorf visitierten, sondern auch an zahlreichen Spielorten des Grafenstädtchens die „Moersify“ genannten musikalischen Angebote zuhauf nutzten?

Schwerpunkte São Paulo, Tokio und Belgrad

Denn dort gab es in kleinerem Rahmen viel von dem zu erleben, was in der bestens besuchten Festivalhalle in zumeist größeren Konstellationen über die neugestaltete Bühne ging. Und dies mit den Schwerpunkten São Paulo, Tokio und Belgrad. Wer allerdings wissen wollte, wen oder was er da hörte, der musste sich wahrlich anstrengen. Denn das gut 100-seitige Programmheft dürfte in seiner nicht zitierfähigen Sinnentleertheit als der gröbste Unfug aller Zeiten in die Jazzgeschichte eingehen. Immerhin fanden sich (nach reichlich Suchen) wenigstens die Musiker solcher Bands wie „Scatter The Atoms That Remains“, die mit dem Saxophonisten Michael Troy schwer Coltrane-mäßig agierte. Dass man die langsam weniger werdenden Moers-Veteranen, zu denen sich erfreulich viele jüngere Hörer gesellten, aber auch ganz unnostalgisch mit Impro-Abenteuern alter Schule bespaßen kann, zeigte sich gleich mehrfach.

So war die Begegnung des 95-jährigen Saxophonisten Marshall Allen, dessen legendäres „Sun Run Arkestra“ nächtens die Stadtkirche füllte, mit dem brasilianischen Wort-Artisten Rodrigo Brandão, dem japanischen Elektroniker Toshimaru Nakamura und dem ostdeutschen Trommel-Ass Günter „Baby“ Sommer ein erstaunlich stimmiges Vergnügen. Was sich einen Tagen später mit dem multi-national aus Künstlern früherer Festivals besetzten „Global Improvisers Orchestra“ fortsetzte, die in fröhlichem Jazz-Esperanto miteinander parlierten. Während die Flötistin Josephine Bode mit dem nun grandiosen Trompeter Peter Evans, dessen Solo-Auftritt noch Virtuosität mit Musikalität verwechselt hatte, eine kleine Sternstunde delikater Interaktionen kredenzte.

Agit-Prop-Klamauk von Altstar Tom Zé

Ansonsten schillerten die Brasilianer zwischen heiteren Grooves und Agit-Prop-Klamauk von Altstar Tom Zé, gerierten sich die Japaner oft frickelig geräuschhaft, was der in Belgrad lebende Altsaxophonist Hayden Chisholm duftig mit feinen Balkan-Sounds kontrastierte. Zwischendurch gab’s brachiale Klanggewitter, intelligenten Kammerjazz, ein analoges Synthi-Abenteuer, gar Dudelsack solo – die übliche Moers-Mischung halt. Und als Höhepunkt des Festivals den Auftritt der Musikfabrik NRW mit der WDR Big Band und Stargast Joshua Redman, für die Vince Mendoza in leuchtenden Farben und packenden Strukturen altes Eric-Dolphy-Material neu arrangiert hatte. Spektakuläre Klangbilder, grandios final gekrönt von aberwitzigem Geschnatter des famosen Tenorsaxophonisten, was lautstark wie kein zweiter Auftritt gefeiert wurde.

Gut so, denn trotz vieler spannender Momente wirkte das 48. Moers Festival diesmal doch oft erstaunlich verhalten in Sachen musikalischer Strahlkraft. Warum Tim Isfort etwa nicht die letzte Chance nutzte, ohne alle Formalitäten die boomende Londoner Jazz-Szene zu präsentierten, bleibt ein Rätsel. Aber vielleicht will er sich ja nächsten Jahr noch mehr anstrengen.

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