ROCK’N’POP-MUSEUM

In Gronau erleben Besucher Pop-Geschichte als Stationendrama

Auf der Musik-Insel: Das Rock’n’Pop-Museum in Gronau in der alten Van-Delden-Turbinenhalle.

Auf der Musik-Insel: Das Rock’n’Pop-Museum in Gronau in der alten Van-Delden-Turbinenhalle.

Foto: Matthias Graben

Gronau.   Noch mehr Technik und noch mehr Lindenberg: Nach einem Jahr Umbau hat das Rock’n’Pop-Museum im westfälischen Gronau eine neue Dauerausstellung.

Als 2004 im westlichsten Westfalen, gleich an der Grenze zu den Niederlanden, das erste deutsche Rockmuseum eröffnet wurde, waren die Hoffnungen groß: Das Museum war die „Musik-Insel“ auf dem ehemaligen Gelände des Anfang der 80er-Jahre pleite gegangenen Garnspinner-Konzerns van Delden, das zum „Insel-Park“ umgestaltet werden sollte. Bis heute liegen die Reste alter Industriebauten fast wie verstreut auf dem weitläufigen Gelände gleich hinterm Bahnhof der 48.000-Einwohner-Stadt Gronau. Die vor allem deshalb bundesweit bekannt ist, weil hier die selbst ernannte Rock-Nachtigall Udo Lindenberg in einem Doppelkornfeld zur Welt kam und zu zwitschern begann.

In der alten Turbinenhalle, zu der zwei geschwungene Brücken über die Dinkel und den Eschbach führen, ist das für 15,5 Millionen Euro gebaute Rock’n’Pop-Museum untergebracht, das in den Anfangsjahren nicht gut gelitten war: Die Stadt stöhnte über die hohen Unterhaltskosten des Museums, die einen erheblichen Teil des Kulturetats auffraßen, der Bund der Steuerzahler führte das Haus in der Liste der Negativ-Beispiele für den Umgang mit öffentlichem Geld. Immerhin konnte das Museum mit dem Studio der Kölner Avantgarde-Rockgruppe Can 2007 einen echten Schatz an Land ziehen, der heute im Keller des Museums zu bestaunen ist, gleich neben einer „Greenbox“, in der Museumsbesucher ihren Karaoke-Spaß haben können.

Udo Lindenberg kam zur Wiedereröffnung

Die Dauerausstellung zur Geschichte von Rock und Pop ist nun ins Erdgeschoss aufgestiegen. Das Museum wurde, weil im Pop ja alles noch schneller als anderswo in die Jahre kommt, ein Jahr lang für 1,6 Millionen Euro renoviert. Ende letzten Jahres kam sogar livehaftig Gronaus Ehrenbürger Lindenberg zur Wiedereröffnung – nicht zuletzt, um zu sehen, wie er selbst mit vier eigenen Vitrinen und als virtueller Willkommens-Conférencier zum Star des Museums wurde.

Die neue Dauerausstellung, die herrliche Reliquien wie die lila Nickelsonnenbrille von Janis Joplin, einen Leopardenhut von David Bowie, den Axt-Bass von Kiss-Kopf Gene Simmons oder einen feuerfesten Bühnenanzug von Rammstein zu bieten hat, funktioniert mit GPS-gesteuerten Kopfhörern: Passend zu jeder Ausstellungsstation läuft aus ihnen der jeweilige Text an – und nach den Erklärungen jede Menge Musik. An die drei Pissoirs an der Graffiti-Wand, vor denen es um Punk geht, muss man allerdings fast so nahe heranrücken wie bei einer Nutzung. Und dass man sich nicht mehr bewegen sollte, sobald eine Tonspur angelaufen ist, weil sich sonst die der Nachbarstation dazwischen zu mischen droht, mutet etwas rock- und pop-fern an.

Der Brief von Elvis an Ilse Kowalsky

Die verschiedenen Ausstellungsstationen, an denen es um Themen wie Protest, Studios und Technik, Bühnenshows und diverse Pop-Stile von Artrock über Folk und Hip-Hop bis zu Punk (in der DDR!) geht, sind höchst kundig, verständlich und nicht unkritisch präsentiert. Da geht es um die Klischees von Freiheit und Ungezwungenheit im Gegensatz zu den realen Zwängen von Mega-Konzerten oder um AC/DC-Fan-Shirts in der Originalverpackung von Aldi Süd.

Jenseits der unerbittlichen industriellen Verwertung, die noch jede neue Protestwelle im Pop verschluckt hat, gibt es aber viele mitunter berührende Blicke in die Privatgeschichte: den rührenden Brief von Elvis Presley an Ilse Kowalsky aus Ahlen, einen seiner größten Fans, und das Interview mit Annette Humpe als Produzentin, die zugibt, dass sie Rio Reiser immer noch sehr vermisst. Oder das Plakat von den Essener Songtagen ‘68, wo Frank Zappa und Hanns Dieter Hüsch auftraten, und... und... und... All die vielen Details lohnen den Besuch allemal.

Rock’n’Pop-Museum Gronau. Udo-Lindenberg-Platz 1. Geöffnet: Di-So 10-18 Uhr. Eintritt: 9,50 €, Kinder bis 6 frei, Familien 25 €.

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