Architektur

Architekt Eckhard Gerber: "Im Mittelpunkt steht der Mensch"

Der Architekt Prof. Eckhard Gerber in seinem Büro in Dortmund.

Foto: Ralf Rottmann

Der Architekt Prof. Eckhard Gerber in seinem Büro in Dortmund. Foto: Ralf Rottmann

Dortmund.   In fünf Jahrzehnten haben der Dortmunder Architekt Eckhard Gerber und sein Büro rund 200 Projekte im In- und Ausland geplant und gebaut.

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Ob RWE-Hochhaus oder Dortmunder U, Energiezentralen oder Kulturtempel, Universitäten und Bibliotheken, Kraftwerke oder Konzertsäle, Schulen und sogar Schmetterlingshäuser: In fünf Jahrzehnten haben der Dortmunder Architekt Eckhard Gerber und sein Büro rund 200 Projekte im In- und Ausland geplant und gebaut. Als Zwei-Mann-Büro fing Gerber 1966 in Meschede an, 50 Jahre später treibt den Professor noch immer die Freude am Bauen an. Simone Melenk traf den renommierten Baumeister auf seinem Hof in Dortmund.

Begabtenförderung, der Förderpreis für junge Kunst in NRW… schon als Architekturstudent standen Sie bei Wettbewerben auf der Gewinnerseite. Wann war klar, dass Sie ein Baumeister werden?

Prof. Eckhard Gerber: Sehr früh. Ich war immer fasziniert vom handwerklichen Bauen. Und ich wollte selbstständig arbeiten. Mit Jazz und Tanzmusik habe ich als Student Geld verdient, in den Semesterferien in Architekturbüros gearbeitet und schon früh die Gründung eines eigenen Büros betrieben. So ging ich in den 1960er-Jahren nach Nordrhein-Westfalen. Ich war sicher, hier wird mehr gebaut als anderswo. Als mein damaliger Kollege und ich – als Studenten – den ersten Wettbewerb für eine Schule in Hallenberg (bei Winterberg) gewonnen hatten, brauchten wir ein eigenes Büro. Das war die „Werkgemeinschaft 66“ in Meschede.

Architektur ist so viel mehr als Grafik oder der Goldene Schnitt. Es geht um Gefühle, Geschichte(n) und Gebäude, die Menschen für sich einnehmen. Wie wichtig sind Ihnen bei Ihrer gestalterischen Arbeit diese Zusammenhänge?

Gerber: Alles hängt zusammen: Der Ort, seine Geschichte, die Umgebung, die Landschaft, Konstruktion und Technik, natürlich auch Material Proportion und Farbe, zusammengefasst, eben nachhaltiges Bauen. Im Mittelpunkt aber steht immer der Mensch. Ein Gebäude als ein spannendes Erlebnis zu formulieren, die Besonderheit des Ortes mit einem besonderen Bau herauszuarbeiten, der von innen nach außen wirkt, aber auch von außen nach innen, das ist unser Bestreben.

Andere genießen ihr Lebenswerk und treten kürzer, Sie haben noch einmal richtig losgelegt. Und erfahren auch international Anerkennung. Woher nehmen Sie diese unglaubliche Energie?

Gerber: Es ist die Freude am Bauen, und ich bin gesund. Zudem ist Demut und Dankbarkeit eine ganz wichtige Voraussetzung für unsere Arbeit als Architekten.

Sie haben bereits Anfang der 1970er-Jahre Terrassenhäuser gebaut, die heute vielleicht „vertikale Dörfer“ genannt werden könnten. Aktuell liegen die Fifties im Trend. Kommt auch in der Architektur alles immer wieder? Wie würden Sie Ihren heutigen Stil selbst charakterisieren?

Gerber: Die Terrassenhäuser in Meschede waren der Versuch, qualitätvolle Häuser auf engstem Raum, sozusagen Einfamilienhäuser als verdichtetes Wohnen, zu entwickeln. Der inhaltliche Ansatz ist noch heute richtig. Am Anfang war es schwer, Menschen zu überzeugen, hier mitzubauen und zu wohnen. Also habe ich das Grundstück damals selbst gekauft, die erste Einheit mit drei Wohnungen selbst gebaut und dort auch selbst gewohnt. Am Ende haben sie mir die „gestapelten Einfamilienhäuser“, immer drei in einem Gebäude, aus der Hand gerissen, weil viele, vor allem junge Familien, dann doch modern und anders wohnen wollten. Ich suche immer wieder das Neue in der Architektur, die neue Form und neue Inhalte. Ich bin immer noch neugierig. Deshalb gibt es auch keinen bestimmten wiederkehrenden Baustil bei uns.

Das Einfamilienhaus in der Vorstadtsiedlung scheint zeitlos. Warum fällt Stadtplanern nicht mal etwas anderes ein, etwas Flexibleres für Familien, für Junge und Alte, Singles und Gruppen?

Gerber: Viele Menschen wollen gerne so leben, sozusagen in ihrem eigenen „Schlösschen“, sie möchten nicht verdichtet wohnen. Dabei ist das frei stehende Einfamilienhaus ökonomisch wie ökologisch eigentlich die unsozialste Wohnform. Es gibt hervorragende, in die Zukunft gedachte Wohnformen wie die Unité d’Habitation von Le Corbusier in Marseille oder die „Habitat 67“-Wohnanlage, terrassenförmig übereinander gestapelte vorgefertigte Wohnkuben in Montreal von Moshe Safdie.

Länger als 50 Jahre beschäftigen Sie sich schon mit zeitgenössischer Architektur. Sie arbeiten und leben aber in alten Hofgebäuden. Ein Widerspruch? Ein Sehnsuchtsort? Gibt es andere Sehnsuchtsorte?

Gerber: Es ist wohl eher der spannende Kontrast zwischen Alt und Neu, der mich berührt. Durch Zufall gelangte ich an diese sehr renovierungsbedürftige Bausubstanz, ich wollte eigentlich nie einen Bauernhof haben. Als ich 1979 mit meinem damaligen kleinen Team nach Dortmund zog, war das Anwesen aus dem 19. Jahrhundert (ein Wohnhaus als Villa mit einem Stall- und Scheunengebäude) frei und bot viel Gestaltungsraum. Von den Stallungen blieben nur die Außenwände stehen, ein Neubau mit altem Kleid, im Innern sind heute ein wesentlicher Teil unserer modernen Büros. Ein Ort der Entspannung ist eher mein Ferienhaus am Karerpass in Südtirol mit einem traumhaften Blick auf den „Rosengarten“, der seit einigen Jahren Weltkulturerbe ist.

Bauen im Bestand ist ein großes Thema. Was waren hier die größten Herausforderungen?

Gerber: Jedes Projekt beim Bauen im Bestand, jedes Einzelthema ist immer wieder anders. Wichtig zuallererst: möglichst viel vom Bestand erhalten, so entsteht auch ein schönes, interessantes Spannungsfeld zwischen Alt und Neu. Ein großes Projekt war sicher der Dortmunder U-Turm, ein altes Brauereigebäude, das ursprünglich als Ganzes ein Museum werden sollte. Wir entwickelten die neue Vertikale durch Herausschneiden eines schmalen Schlitzes durch alle Geschossdecken im Eingangsbereich. So entstand ein schmales, durch das ganze Gebäude vertikal laufendes Foyer mit Rolltreppen, die die einzelnen Geschossebenen verbinden. Für jedes vorgefundene Teil – zum Beispiel für die historischen Decken – gilt es dann, die entsprechende, individuelle konstruktive Lösung zu finden.

Bei all‘ Ihrer beruflichen Verantwortung: Wo finden Sie Ausgleich und Entspannung?

Gerber: Ausgleich und Entspannung finde ich in der Familie, beim Spielen mit meinem kleinen Sohn, beim Wandern, beim Skifahren, in der Musik. Ich spiele Trompete, aber leider hat sich meine Jazz-Band aufgelöst. Eine neue Formation, mit der ich zusammen wieder spielen könnte, wäre schon schön. Trotzdem wird die baumeisterliche Arbeit mich nicht loslassen.

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