Bühne

Höhenflüge mit „Frau Luna“ in Dortmund

Frau Luna im Theater Dortmund: Emily Newton.

Frau Luna im Theater Dortmund: Emily Newton.

Foto: Björn Hickmann

Dortmund.   Petersens Mondfahrt: Am Dortmunder Opernhaus zeigte Regisseur Erik Petersen Paul Linckes Berliner Operette „Frau Luna“

Der stürmische Premierenbeifall schwillt immer dann noch einmal an, wenn Emily Newton sich dem Publikum im Opernhaus stellt. Und der Applaus gilt dann nicht nur der Sängerin, sondern zu Recht auch der Artistin. Wie Emily Newton als „Frau Luna“ aktiv beim berühmten Luftballett mitwirkt, wie sie – von zwei Luftakrobatinnen unterstützt – an Seilen und Tüchern turnt, hoch über dem Boden schwebt, kopfüber hängend singt, das ist bewundernswert. Und wer es bislang noch nicht getan hat, der wird spätestens jetzt bedauern, dass die gefeierte Sopranistin mit dem Ende der Spielzeit Jens-Daniel Herzog nach Nürnberg folgt, wenn der Noch-Opernintendant dort die Leitung des Staatstheaters übernimmt.

„Mutter aller Berliner Operetten“

Paul Linckes 1899 uraufgeführte und bis 1922 mehrfach erweiterte Ausstattungsoperette mit ihren geradezu schlagermäßigen Arien und immergrünen Couplets („Schlösser, die im Monde liegen“, „Lass den Kopf nicht hängen“, „Das ist die Berliner Luft“) gilt zu Recht als „Mutter aller Berliner Operetten“. In Tatjana Ivschinas (Bühne, Kostüme) fantasievoller Ausstattung startet Regisseur Erik Petersen das Mondabenteuer milljöhsicher im Zille-Kietz. Der Mechaniker Steppke (Bonko Karadjov), der Schneider Lämmermeier (Morgan Moody) und der Steuerbeamte Pannecke (Marvin Zobel) wollen dem Alltag im Allgemeinen und der Fuchtel von Frau Pusebach (Johanna Schoppa) im Besonderen entfliehen. „Nur begleiten, nicht hetzen“ weist die Liebessüchtige das Orchester an, ehe sie in Berliner Schnodderton das herzergreifende Couplet von „Theophil“ anstimmt, der sie einst kaltgestellt hat. Mit ihrem Verlobten Pannecke soll ihr das nicht passieren. Als die drei Freunde in Steppkes Ballon den Abflug machen, klammert sie sich an ein herabhängendes Seil.

Im Stil eines Schwarz-Weiß-Stummfilms

In diesem Moment steuert Petersens Inszenierung ihrem ersten Höhepunkt zu. Der Vorhang wird zur Riesenleinwand. Im köstlichen Stil eines frühen Schwarz-Weiß-Stummfilms, in verwackelten, funzelig ausgeleuchteten Bildern und mit den tricktechnischen Möglichkeiten jener Zeit, als die Bilder laufen lernten, wird von den Stationen der Abenteuerfahrt über die Milchstraße zum Mond berichtet.

Ist das alles nur geträumt? Wenn ja, dann erfährt dieser Traum eine wahre Farbexplosion. Am Zielort angekommen, nimmt der Revuecharakter der burlesken Operette, die in Dortmund um drei Lieder aus anderen Lincke-Operetten erweitert ist (u.a. „Glühwürmchen“ aus „Lysistrata“), immer opulentere Formen an. Zwei gewaltige Treppen säumen die Bühne, auf der sich nach und nach die interstellare High Society zum traditionellen Mondscheinball einfindet. Wenn all die Planeten und Asteroiden eintrudeln – und mittendrinne die Berliner – dann schlägt die immer wieder die große Stunde des Opernchores und der Mondgrazien (Choreographie: Kati Farkas).

Die kosmische Bohème

Zwischendurch streut Petersen kleine, nicht so ohne weiteres erkennbare Gags ein. Jener Mond-Haushofmeister Theophil (Dirk Weiler), der einst bei einem Erd-Abstecher romantische Gefühle in Frau Pusebach geweckt hatte, ist in Lunas Zofe Stella (Ileana Mateescu) verliebt. Beide Frauen, durch Jahre und Konfektionsgrößen getrennt, gleichen sich, sind rothaarig, tragen identische Kleider. Der Mann hat eben seine Vorlieben. Aber auch sonst unterscheidet sich die kosmische Bohème, das stellen die Mond-Touristen fest, in ihrem Verhalten eigentlich gar nicht so sehr von den Kiezbewohnern. In der Fremde ist es nicht unbedingt besser. Am Schluss gilt, worauf Pusemanns Nichte Marie (Julia Amos) ihren geliebten Steppke von Anfang an hingewiesen hat: „Um im Glück dich einzuwiegen, hat du auf der Erde Platz.“

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