Theater

„Hell“: Die Magie des Augenblicks in Dortmund

Verdrahtet: Uwe Schmieder. Foto:Marcel Schaar

Verdrahtet: Uwe Schmieder. Foto:Marcel Schaar

Dortmund.   Kay Voges bringt mit „Hell“ fotografische Schlaglichter auf die Dortmunder Bühne – die ansonsten so duster ist, dass die Zuschauer gewarnt werden.

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Der Bühnenraum ist diesmal eine Dunkelkammer, wer hier Platz genommen hat, nimmt nicht mehr wahr, als völlige Schwärze. Dann ertönt eine Stimme aus dem Nichts und erzählt eine Schöpfungsgeschichte, die seltsam fremd klingt, weil hier vorwiegend vom „Licht der Unendlichkeit“ die Rede ist, das an allem Anfang war, bevor es noch Raum und Zeit gab. Aus einem Bühnenkasten im Hintergrund erscheint dieses Licht nun allmählich zu den Klängen des Musikers Tommy Finke, lässt erstmals den schemenhaften Raum erkennen, in dem man sich befindet.

Der Text stammt aus dem um 1590 entstandenen „Baum des Lebens“ des Rabbi Isaak Luria. Und nicht nur dieses Titels wegen fühlt man sich plötzlich wie in einem der neueren Filme von Terrence Malick, dem Bilder eigentlich alles sind und der seine Schauspieler nur noch introspektive Sätze sprechen lässt.

Tatsächlich aber befinden wir uns im Megastore, der Ausweichstätte des Dortmunder Theaters, wo das Stück „Hell – ein Augenblick“ Premiere hat, das Hausherr Kay Voges in Zusammenarbeit mit Dramaturgie und Ensemble entwickelt hat. Nach Arbeiten wie „Das goldene Zeitalter“ (das Leben als ewige Wiederholung) und „Die Borderline Prozession“ (die Gleichzeitigkeit von Schicksalen) wagt man sich jetzt an die Fotografie heran, deren Produkte den einzigen Moment des Stillstandes im ewigen Lauf der Zeit darstellen.

Hat man die Fotografie im Theater bisher eigentlich nur als Lieferant für Szenenfotos genutzt, so versucht Voges es nun mit der Live-Fotografie. Die 15 Schauspieler, die nach und nach in ihren Verkörperungen und Kostümen die weite Leere der Spielfläche (Bühne: Pia Maria Mackert) überwunden haben, landen am Ende jedes Mal in diesem Bühnenkasten.

Hier schießen Blitze in das mittlerweile Halbdunkel des Raumes, denn hier agiert der Fotograf Marcel Schaar und produziert fortlaufend Bilder, die sofort auf zwei große Leinwände projiziert werden. Sie sind Zeugen eines Augenblicks, den schon Goethe gern ausgedehnt hätte, weil er doch so schön war.

Texte von Rainald Goetz, Nietzsche und Christoph Schlingensief

Was uns zu den literarischen Texten bringt, mit denen hier gearbeitet wird. „Mash-up“ nennt sich das Prinzip, vorgefundenes Material zu benutzen, das thematisch zum Thema passen sollte. Das will sich hier nicht immer erschließen, wenn man sich etwa Teilen der Dankesrede gegenübersieht, die der Autor Rainald Götz beim Erhalt des Büchner-Preises gehalten hat. Umso trefflicher funktioniert es mit Nietzsche, der eine ganz wunderbare Erklärung für das Sich-Erinnern des Menschen findet. Wenn es ans Lebensende geht und Fotos Momente des Glücks noch einmal wach werden lassen, finden sich Passendes zuhauf. Nichts aber ist dabei so aufrüttelnd wie Christoph Schlingensiefs Sterbemonolog, in dem er auch mit Gott abrechnet.

Menschliche Körper im Verzweiflungskampf

In diesem Moment passen dann auch die parallel produzierten Bilder mit menschlichen Körpern im Verzweiflungskampf. Der Placebo-Song „This Picture“ mit der Erkenntnis, dass man den Alterungsprozess nicht aufhalten kann, wäre ein markanter Abschluss gewesen. Aber dann werden uns auch noch ein verdrahteter Jesus und ein schwarzer Engel serviert.

Kay Voges hat es sich auf die Fahne geschrieben, die Möglichkeiten des Theaters in jede Richtung hin auszuloten. Das macht aus „Hell“ zumindest einen interessanten Versuch, der jedoch an seine beiden Vorgänger nicht ganz heranreichen kann. Vielleicht liegt es daran, dass es dort immer auch Szenen und Schicksale gab, bei denen man sich einhaken konnte. Hier lebt der Abend allein von Zitaten und der Gleichförmigkeit des Ablaufs. Es bleibt die Majestät der Bilder.

Eine Warnung für die Zuschauer

Das Theater rät Zuschauern mit Dunkelangst, akuten Herzkrankheiten, einer Neigung zu Migräneanfallen oder Epilepsie dringend von einem Besuch der Vorstellung ab.

Ort: Megastore, Dortmund-Hörde. Termine: 17., 18. Februar; 1., 18., 26. März. Informationen und Karten: 0231 / 50 27 222

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