Oper

Großer Jubel für bildersatte „Turandot“ an Dortmunds Oper

In der Zange der Minister: Kalaf (Andrea Shin, unten) in „Turandot“  an der Oper Dortmund

In der Zange der Minister: Kalaf (Andrea Shin, unten) in „Turandot“ an der Oper Dortmund

Foto: Björn Hickmann/ stage picture

Dortmund.  Puccinis „Turandot“ ist eine Massenmörderin. Dortmunds Oper zeigt das Werk hochästhetisch. Das Premieren-Publikum feiert den Abend.

Vielleicht hätte sich Jens-Daniel Herzog (2011-2018 Dortmunds Opernchef) so das Paradies vorgestellt: Erst tost der glückliche Theatersaal für Sänger, Chor und Orchester – dann aber bleibt der Pegel (Herzog ist das vom „Tristan“ bis zum „Nabucco“ selten beschieden gewesen) auch beim Regieteam hoch und absolut buhfrei.

Aber hätte der Intendant Herzog den Preis für den Eintritt in dieses Paradies bezahlt? Puccinis Massenmörderin „Turandot“ sieht man – effektvoll und spannend inszenier – an Dortmunds Opernhaus weitgehend kulinarisch, Reiscracker-Kino mit Gesang, edel ausgeleuchtete (Licht: Ralph Jürgens) Asia-Folklore samt Golddrachen im Nebel und reichlich Lampions dazu.

Japanischer Regisseur trifft in Dortmund ein Märchen aus China: „Turandot“

Und doch würde man dem in Japan geborenen Regisseur Tomo Sugao Unrecht tun, nennte man seine Arbeit verfehlt. Vielleicht hat ihn der Untertitel – Carlo Gozzis Textvorlage vom „tragikomischen Märchen“ – geleitet. Märchenhaft bleibt dieser Abend, auch wenn leise Anspielungen im Kostüm der Menge die Blutgier des Alten China auf das menschenverachtende Wüten der Kulturrevolution übertragen. Dieser kannibalenhaften Masse (Dortmunds Chor in Festspiel-Form) widmet sich Sugao akribisch. Schaltete man den Puccini-Ton ab, hörte man sie immer noch nach neuen Menschenopfern gieren, so stummfilmartig überhöht agiert das Volk Pekings. Moralisch sind diese Massen im Morast. Vielleicht haben sie zu lange das blutige Quiz bei Hofe begleitet: Versagen Freier beim Rätselraten, schickt Prinzessin Turandot sie zum Henker.

Die hochästhetische Bühne zu Turandot ist ein effektvoll beleuchteter blutroter Korridor

Frank Philip Schlößmanns hochästhetische Bühne errichtet vorn einen Block, der höfische Bühne und Altar zugleich ist. Die Tiefe des Raums ummantelt ein blutroter Korridor, der sich nach hinten theatralisch öffnen lässt: unheimlich und unheimlich schön. Im gefälligen Schauwert des Grundkonstrukts (Drache ausgenommen) ließe sich freilich ebenso gut die Götterdämmerung erzählen oder Verdis Otello. Auf die Tragödie der Turandot weist ein vergoldeter Haufen zerrupfter Kinder-Puppen hin: Es nimmt eine Unerlöste Rache an jener Männerwelt, deren Karikatur ihre Minister sind. Wenn Ping, Pang und Pong (köstlich choreografiert und mit Morgan Moody, Fritz Steinbacher und Sunnyboy Dladla glänzend besetzt) in ihrem Pavillon von den Grausamkeiten der Chefin berichten, verlieren die Puppen Arme, Beine und den Kopf...

Bei „Turandot“ in Dortmund sind die Widerhaken der Erzählung vorsichtig eingebaut

Das sind im eher gefälligen Erzählen feine Widerhaken, die Sugao sacht aber bis zuletzt stichhaltig einsetzt: Liù, die sich opfert um den Prinzen Kalaf nicht zu verraten, wird in Dortmund nicht tot von der Bühne getragen. Der Leichnam bleibt – und damit die Erlösung Turandots von der Männerfresserin zum liebenden Menschen ein Weg über Leichen.

Das musikalische Niveau ist bestechend. Nach etwas kompakten Start malen Dortmunds Philharmoniker unter Gabriel Feltz Puccinis toskanische Chinoiserie mit dramatischem Puls und seelenkundiger Delikatesse aus. Andrea Chins Kalaf schenkt der Partie (bei mühelosem „Nessun dorma“) einen dunkel timbrierten Tenor von schöner, ungestemmter Natürlichkeit. Stéphanie Müther (Turandot) empfiehlt sich mit raumgreifenden Sopranspitzen schon als Brünnhilde für den geplanten Dortmunder Nibelungenring, zeigt aber nach der Läuterung auch die Gabe zur zarten Zeichnung. Ungewöhnlich dramatisch und von beeindruckendem Volumen ist Sae-Kyung Rims „Liù“, auch wenn das Porträt der demutsvollen Sklavin mit weniger Vibrato schlüssiger wäre. Karl-Heinz Lehner adelt den Tatarenkönig Timur als Basso cantante.

Laute Bravo-Rufe für einen Abend, dem man sich schwer entziehen kann – selbst wenn man sich den Stoff brisanter gedeutet wünschte.

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Turandot. Oper Dortmund. Zweieinhalb Stunden, eine Pause. Nächste Termine am 22. Februar und im März am 3., 13., 16., 22., 28. Karten (15-49€) unter Tel. 0231-5027222

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