Literatur

Große Gala: Festival Lit.Ruhr beginnt mit Lebensgeschichten

Eva Mattes (links) liest mit Peter Kurth (rechts) auf der Bühne der Philharmonie in Essen. Das internationale Literaturfest Lit.Ruhr startete mit einer Gala in der Philharmonie.

Eva Mattes (links) liest mit Peter Kurth (rechts) auf der Bühne der Philharmonie in Essen. Das internationale Literaturfest Lit.Ruhr startete mit einer Gala in der Philharmonie.

Foto: Julia Tillmann / FUNKE Foto Services

Essen.  Schauspielerin Eva Matthes, Sänger Wolfgang Niedecken, Schriftsteller Saša Stanišić: So war der Auftakt der Lit.Ruhr in Essens Philharmonie.

Das Leben. Gibt es ein Wort mit fünf Buchstaben, fragt Katty Salié, hinter dem mehr Fragezeichen stehen? Wie erzählt man von diesem, vom eigenen Leben und von der Zeit, die in jungen Jahren so endlos erscheint und später wie im Fluge vergeht? Bei der „Großen Gala der Lit.Ruhr“ geht es genau darum: Wie all die auf den ersten Blick vielleicht banalen, unfassbaren, unbequemen oder schlicht verrückten Momentaufnahmen eines individuellen Lebens reflektiert, gefiltert, in Literatur gefasst werden.

Wobei: Eine typische Gala ist dieser von der TV-Moderatorin Katty Salié („Aspekte“) befremdlich uninspiriert moderierte Abend, der Heerscharen von Literaturfreunden in die Essener Philharmonie gezogen hat, nicht. Kein einleitendes, vielleicht sogar würdigendes Wort über das zum dritten Mal ausgerichtete Internationale Literaturfestival mit 76 Veranstaltungen, das am nächsten Tag beginnt, nichts über die Macher, über die Bedeutung des Festivals für die Region. Erst spät, nach der Pause, liest, nein: singt Salié huldigend die Liste der Sponsoren von einem ihrer Moderatoren-Stichwortkärtchen ab, die sie nie aus den Händen gibt; und dass sie dabei Martin Gotthard Schneiders alten Schlager „Danke“ (für diesen guten Morgen) nach zwei Takten nicht fortsetzt, nimmt man dankbar zur Kenntnis.

Sänger und Gitarrist Wolfgang Niedecken wurde begleitet von Mike Herting am Klavier

Sänger und Gitarrist Wolfgang Niedecken, begleitet von Mike Herting am Klavier, macht den Anfang und ist in der Folge für die Intermezzi zwischen den Lesungen zuständig. Keine Frage: Die Songs der BAP-Ikone sind Ausfluss eines bewegten, an Erfahrungen und Eindrücken reichen Lebens, haben unzweifelhaft literarische Qualität. Das zu erkennen, muss man die Texte allerdings verstehen. Wer die Lieder nicht aus dem Effeff kennt, wer des Kölschen Südstadt-Dialekts nicht mächtig ist, der steht auf verlorenem Posten.

Und Katty Salié, die anfangs noch versprochen hat, Niedeckens Songs zumindest rudimentär zu erläutern und einzuordnen, ist keinerlei Hilfe. Wenn sie stattdessen aufgeregt beichtet, bei „Zosamme alt“ immer „Pipi in den Augen“ zu haben, dann wiederum ist das deutlich zu viel an Information.

Es sind der Schriftsteller Saša Stanišić, die Schauspieler Eva Mattes und Peter Kurth, die dem Abend Glanz und Wirkung verleihen. Der im ehemaligen Jugoslawien geborene Stanišić, ein wahrer Meister der Abschweifungen und gedanklichen Quersprünge, liest ein kurzes Kapitel aus seinem aktuellen Buch „Herkunft“, das auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2019 steht. Seine Erinnerungen an die ersten Begegnungen mit der deutschen Sprache, die von der Schulbank auf krummen Wegen zu Bruce Willis führen („Adieu, Schweinebacke“), sind in ihrer Tiefgründigkeit einfach köstlich.

Eva Mattes und Peter Kurth lesen mit verteilten Rollen aus Autobiografien

Mattes und Kurth wiederum, die im Wechsel oder gemeinsam mit verteilten Rollen aus Autobiografien oder autobiografisch gefärbten Werken des großen britischen Neurologen Oliver Sacks, des israelischen Schriftstellers und Essayisten Amos Oz oder der kanadischen Erzählerin Sheila Heti lesen, weiten ihren Vortrag dabei immer wieder zu einer hinreißenden Live-Performance. Da leidet der Hörer mit Heinrich Heine, der sich in seinen „Schulerinnerungen“ noch einmal mit unregelmäßigen Verben, mit dem Pauken von Daten und Namen abquält und erkennt, wie wichtig das ungeliebte Lernen für das Leben, für die Literatur ist.

Und nachgerade aberwitzig, auf absurde Weise schlüssig wird es, wenn Amos Oz über die reine „Physis der Bücher“, über die akribisch ergründete Bibliothekars-Kunst, sie im Regal zu ordnen (nach Größe, alphabetisch, nach Themen usw.), zur Erkenntnis gelangt: In der Liebe und in der Literatur ist nichts unmöglich.

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