Kultiviert

Gelbes Wunder im November

Monika Willer

Monika Willer

Foto: Michael Kleinrensing / WP Michael Kleinrensing

Was erlöst einen von den allgegenwärtigen Fake-News? Reale Wunder der Natur

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Die Welt ist schlecht und der November grau. Sorgenvoll starre ich durch die Terrassentür, in Gedanken bei der Frage, warum denn alle verrückt geworden sind - und warum eigentlich vernünftige Leute über Nacht unbedingt Schreihälse wählen wollen. Überhaupt regt mich das postfaktische Zeitalter als Mensch und Journalistin furchtbar auf. Haben wir das Internet denn erfunden, damit Idioten es mit gefälschten Bildern und falschen Tatsachenbehauptungen zumüllen können – falls da noch Bio-Idioten am Werk sind und nicht längst schon Propaganda-Maschinen Fake News unters Volk bringen?

Während ich derart grübele, irritiert ein gelber Fleck mein Blickfeld. Was ist das? Wo kommt das her? Ich gehe raus, um die Sache näher zu untersuchen. Mitten im Regen recken zwei Ringelblumen ihre Köpfchen in den kalten Himmel. Die Überraschung ist perfekt.

Spätzünder aus der Bienentüte

Eine kleine Recherche ergibt, dass es sich um Spätzünder aus der Tüte mit der Bienenmischung handeln muss, die ich im Frühling ausgesät habe. Der Sommer ist längst vorbei, die Bienen fliegen nicht mehr, aber unbeachtet von diversen gärtnerischen Aktivitätsschüben meinerseits haben die Pflänzchen nicht nur überlebt, sondern sogar Blüten getrieben.

Ich bin ganz verzaubert, weil ich mit diesem fröhlichen Blumengruß nicht rechnen konnte. Er ist Fakt, kein Fake. Als ich später eine Runde frische Luft schnappe, sehe ich mit inzwischen geschulter Beobachtungsgabe, dass sich auch an Nachbars Zaun einige blühende Ringelblumen über die Saison retten konnten. Vielleicht haben die Nachbarn vor sieben, acht Monaten die gleiche Samenmischung ausgestreut.

Die Welt ist schlecht

Jetzt kann ich keine üble Laune mehr haben. Die Welt ist zwar immer noch schlecht, aber sie hat mir gerade bewiesen, dass sich das Geheimnis der Schöpfung in den unscheinbarsten Winkeln offenbart und jederzeit trübe Gedanken verscheuchen kann - mit einem hübschen gelben Sonnenscheinchen in diesem Fall.

Und die unzeitigen Ringelblumen, die so überaus unvorhergesehen und daher umso willkommener sind, die machen richtig Mut. Ja, wir werden von der Welt gedreht. Aber ein ganz kleines bisschen können wir auch selber drehen, zum Beispiel, indem wir uns mitten im November mit offenen Augen von Wundern einfangen lassen.

Nichts ist unmöglich. Wenn Ringelblumen im Schneeklatsch blühen, dann wird es bestimmt wieder Frühling werden. Möglicherweise können wir die allgegenwärtigen Schreihälse sogar weglächeln.

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