Kino

Film „Idioten der Familie“: Verkopfter Krampf

Idioten der Familie: Die Geschwister wollen Ginnie (Lilith Stangenberg) ins Heim abschieben.

Idioten der Familie: Die Geschwister wollen Ginnie (Lilith Stangenberg) ins Heim abschieben.

Foto: Handout

Essen.  Kino als Versuchsanordnung: Filmautor Michael Klier testet mit seinem Familiendrama „Idioten der Familie“ den guten Willen der Zuschauer.

Ginnie muss ins Heim. Heli hat das so beschlossen, weil sie mit 40 nicht länger ihre geistig behinderte jüngere Schwester pflegen will. Deshalb kommen die drei Brüder noch einmal ins Haus der Eltern, um sich von Ginnie zu verabschieden und vielleicht Klarheit zu erlangen, ob es nicht doch noch eine Alternative zur Abschiebung ins Heim gibt.

Frederik (Kai Scheve) ist erfolgreicher Klarinettist; sein Lebenswandel ist unstet und er hat bereits drei Porsches zu Bruch gefahren. Bruno (Florian Stetter) schlug eine akademische Laufbahn ein, jetzt will er in Afrika ein Bildungsprojekt aufbauen. Tommie (Hanno Koffler) ist Jazz-Saxofonist, geht alle Dinge locker an. Heli (Jördis Triebel) will ihre künstlerische Karriere neu beleben.

Alle sind sich sicher, das Beste für ihre kleine Schwester zu kennen

Was Ginnie (Lilith Stangenberg) wollen könnte, weiß keiner der Brüder, es fragt auch niemand danach. Aber alle sind sich sicher, das Beste für ihre kleine Schwester zu kennen. Die aber zeigt keinerlei Neigung, den Verhaltensvorschlägen mit Höflichkeit zu begegnen oder irgendein Entgegenkommen zu zeigen.

Wie das wohl so und nicht anders sein kann in einem Haushalt, in dem der Vater Christ und die Mutter liebestoll war. Es kommen allerlei Extremskizzierungen zusammen in diesem Familiendrama, mit dem Filmautor Michael Klier („Ostkreuz“, „Farland“) sich zehn Jahre nach der vergleichsweise lieblichen Komödie „Alter und Schönheit“ auf dem Kinomarkt zurückmeldet. Wie das zustande kommen konnte, erschließt sich unter geschäftlichem Blickwinkel nicht. Noch mehr als bei seinen Filmen zuvor fährt er ein exaltiertes Figurenkabinett in einer Versuchsanordnung auf, die sich aus bestürzend unbedarften Klischees (der Jazzer trägt Jazzer-Hütchen, der Gutmensch eine Hornbrille) und bizarren psychologischen Sollbruchstellen zusammensetzt.

Es bleibt der Eindruck eines in stillem Kämmerlein verkrampften Künstlertums

Jeder trägt an mindestens einem schweren Knacks, der allein aus der Behauptung heraus zum Tragen kommt. Zugleich gibt es verstörende Andeutungen in Richtung inzestuöser Verirrungen, wenn jeder der Brüder auf seine Weise die eine Schwester wie eine Geliebte befingert und die andere Schwester wie ein Tier behandelt, dem es lediglich an der richtigen Dressur ermangelt.

Das Darstellerensemble kniet sich in diese Drehbuchirritationen mit einer Intensität, die den Film in Augenblicken an die Psychohitze eines Tennessee Williams heranreichen lässt. Die meiste Zeit aber bleibt der Eindruck eines in stillem Kämmerlein verkrampften Künstlertums. Die Toleranzgrenze des Publikums wird dabei einer nur mit äußersten Mühen zu bewältigenden Probe unterzogen.

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