ZDF-Zweiteiler

Ronald Zehrfeld: „Ich habe das Laute und Wilde in mir“

Ronald Zehrfeld, 42, lebt mit Frau und Tochter im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Geboren wurde er in Berlin-Schöneweide. Das Berlin der Nachwendezeit kostete er voll aus.

Ronald Zehrfeld, 42, lebt mit Frau und Tochter im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Geboren wurde er in Berlin-Schöneweide. Das Berlin der Nachwendezeit kostete er voll aus.

Foto: Urs Flueeler / dpa

Berlin  Im ZDF-Krimi „Walpurgisnacht“ spielt Ronald Zehrfeld mal wieder einen Ostdeutschen. Warum lässt ihn die eigene Vergangenheit nicht los?

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Die Geschichte ist ein Gedankenspiel. Ein Kommissar aus dem Osten muss gemeinsam mit einer Westkollegin kurz vor dem Mauerfall in einem Mordfall ermitteln. Ronald Zehrfeld spielt in dem Zweiteiler „Walpurgisnacht – Die Mädchen und der Tod“ (Montag, 18.2., und Mittwoch, 20.2., 20.15 Uhr, ZDF) den Ermittler aus dem Harz.

So eine Kooperation gab es in der wahren deutsch-deutschen Geschichte nicht. Zehrfeld wuchs in Ost-Berlin auf und entdeckte nach dem Mauerfall seine wilde Stadt neu. Allerdings auf die Rolle des Ostdeutschen ist er abonniert.

Warum spielen Sie immer wieder ostdeutsche Typen?

Ronald Zehrfeld: Das kann ich gar nicht so genau sagen. Die Wahl meiner Rollen hängt von den Drehbüchern ab. Und wenn die gut sind, nehme ich an. Aber sicher hängt es auch damit zusammen, dass ich in der DDR aufgewachsen bin. Und die richtig spannenden Themen wie Treuhand und Leuna-Affäre kommen ja erst noch.

In dem Zweiteiler „Walpurgisnacht“ haben Sie ein enges Verhältnis zu einem jungen Kampfschwimmer. Sie waren in Ihrer Jugend selbst Leistungssportler. War es daher leicht in die Rolle zu finden?

Mir sind Disziplin und Leistungsdruck, unter denen der Junge im Film steht, nicht fremd. Ich kenne aber auch den Druck, den das DDR-System und ein Vater als Parteifunktionär ausüben können.

Sie waren sehr erfolgreicher Judokämpfer. Wieviel Hochleistungssportler steckt heute noch in Ihnen?

Ich bin dankbar für alles dankbar, war ich gelernt habe. Auch für die Erfahrungen, die ich durch den Sport sammeln durfte. Ich durfte zu Turnieren reisen und hatte Privilegien. Und nach der Wende habe ich so sehr das wilde Berlin genossen. Dass ich heute sagen würde, es ist diese Mischung aus Disziplin und Leben, die meine Biografie ausmacht.

Können Sie noch Judo?

Na ja, es hilft mir schon noch im Job. Ich kann abrollen und jeden Stunt selbst machen und so hoch springen, dass die Leute überrascht sind. Aber Kämpfe würde ich heute verlieren.

Sie spielen einen Polizisten, der bei einem Mordfall zusammen mit einer Kollegin aus dem Westen zusammenarbeiten muss. Alles steht im Zeichen des nahenden Wandels.

Mein Charakter Karl möchte, dass sich etwas ändert. Er ist kein Karrieremensch, eher ein nachbarschaftlicher Typ. Aber das hat für mich die Spannung der Figur ausgemacht. In der DDR kannte man noch seine Nachbarn, in Krisenzeiten rückte man näher zusammen, das wollte ich zeigen.

Stimmt das wirklich?

Ich kann ja nur aus meiner Erfahrung sprechen.

Sie sind in der Großstadt Berlin aufgewachsen. War das da auch so?

Ja, alle im Viertel kannten sich. Und wenn es im Gemüseladen Pflaumen gab, hat man ungefragt für die Nachbarn welche mitgebracht. Wahr ist aber auch, dass viele Menschen für die Stasi gearbeitet haben und ihre Nachbarn bespitzelt haben. Damit ja keine Opposition im Staat entsteht.

Was wollten Sie denn als Kind werden?

Sportler, Lehrer oder Pilot, in der Reihenfolge.

Und wie sind Sie dann zum Schauspiel gekommen?

Das lag natürlich am anderen Geschlecht. Bei den Theatergruppen gab es die schönsten Mädchen. Es kam eins zum anderen. Ich hatte unterschiedliche Freundeskreise und war zur Wende elf, zwölf Jahre alt. Mit 15 Jahren hatte ich 4000 D-Mark auf der Tasche, weil ich geklaute Autos an die Russen verkauft habe. Bis ich im Jahr 1995 volljährig wurde, hatte ich absolute Narrenfreiheit.

So was haben Sie gemacht?

Ja, das waren meine wilden 90er-Jahre. Für mich war kein Fluss zu breit, kein Berg zu hoch.

Gehörte das neben dem Kapitalismus für Sie zu den Vorzügen des Westens?

Na klar, als Kind habe ich mir die Nase an der Scheibe vom Intershop platt gedrückt. Nach der Wende habe ich dann einen Affen gemacht.

Wie war die Wendezeit für Ihre Eltern?

Das war natürlich schwer. Ihre ganze Generation ist von der Sicherheit in die Unsicherheit gerutscht. Viele verloren ihre Jobs. Meine Eltern sind gut ausgebildet, die haben sich wieder gefangen. Aber für viele ist es nicht so gut ausgegangen. Ich hatte einfach Glück, dass ich zur Wende noch so jung war. Mit 19, 1996, habe ich dann mit dem Milieu abgeschlossen, habe Zivildienst gemacht und bin drei Monate nach Indien gegangen. Danach hatte ich das Gefühl, ich habe mich ausgetobt.

Ihre Größe und Statur gefallen nicht nur vielen weiblichen Fans, Sie fallen dadurch auch besonders im deutschen Film auf. Ist Ihr Körper ein Vorteil im Filmgeschäft?

Bei manchen Rollenangeboten hilft mir das schon. Auf der anderen Seite habe ich auch jahrelang unter meinem Waschbrettbauch gelitten, weil ich nur auf meinen Körper reduziert wurde. Spaß beiseite, Komplimente schmeicheln mir natürlich. Ich bin ja auch nur ein Mann. Inzwischen sogar mit Persönlichkeit.

Wenn man sie googelt, drehen sich die häufigsten Suchanfragen darum, ob sie verheiratet sind oder eine Partnerin haben.

Guck an. Na, ist ja nicht schlimm.

Im Film Walpurgisnacht schaut Ihre Ehefrau „Die Schwarzwaldklinik“, kennen Sie die Serie?

Wir lebten in Berlin und nicht im Tal der Ahnungslosen. Klar, habe ich dort alles sehen können. Schwarzwaldklinik war damals High End, das war für uns der Westen pur.

Waren Sie enttäuscht, dass der Westen gar nicht so war wie in der Serie?

Manche Teile der BRD waren ja schon so. Woran ich mich erinnere, war der Überfluss, 50 Sorten Waschmittel, 50 Sorten Zahnpasten. Das braucht kein Mensch.

Sie spielen in Filmen oft eher ruhige Typen, sind Sie so?

Ich bin beides. Habe das Laute, Wilde in mir, aber bin auch gern leise und zurückgezogen. Ich bin ein bisschen Jeckyll und Hyde.

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