„Hart aber fair“

Diesel-Debatte: „Raucher müssten nach Wochen tot umfallen“

Feinstaub-Streit: Diese drei Dinge muss man jetzt wissen

Feinstaub: Wie gefährlich ist er wirklich?

Feinstaub: Wie gefährlich ist er wirklich?

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Berlin  Die Industrie duckt sich. Die Umwelthilfe klagt. Und ein Lungenarzt hält Grenzwerte für Unfug. So lief der Diesel-Zoff bei Plasberg.

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Ist Deutschland im Diesel-Wahn? Diese Frage stellte Frank Plasberg am Montag bei „Hart aber fair“. In überraschend harmonischen 75 Minuten geriet nur einer aufs Glatteis: Bernhard Mattes, Verbandschef der Automobilindustrie.

Lungenfacharzt Dieter Köhler sorgte dagegen für Horizonterweiterung. Er gab ein vernichtendes Urteil über Diesel-Grenzwerte ab. Seinen Ausführungen zufolge steckt in einer Zigarette mehr Feinstaub. Zustimmung kommt von vielen weiteren Ärzten.

Diesel-Talk bei „Hart aber fair“ mit diesen Gästen:

  • Cem Özdemir, Grüne
  • Oliver Wittke, CDU
  • Bernhard Mattes, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie e.V. (VDA)
  • Barbara Metz, stellvertretende Chefin der DUH
  • Prof. Dr. Dieter Köhler, Lungenfacharzt

Auch andere Wissenschaftler folgten der These Köhlers, wie die „Welt“ berichtet. Demnach hätten mehr als 100 Mediziner, vor allem Lungenfachärzte, gemeinsam mit ihm ein Papier unterzeichnet, in dem sie schreiben, dass es keinen wissenschaftlichen Beweis dafür gibt, dass Stickoxide eine Gefahr für die menschliche Gesundheit seien.

Darin werde eine Neubewertung der wissenschaftlichen Studien gefordert, heißt es. „Lungenärzte sehen in ihren Praxen und Kliniken diese Todesfälle an COPD und Lungenkrebs täglich; jedoch Tote durch Feinstaub und NOx, auch bei sorgfältiger Anamnese, nie. Bei der hohen Mortalität müsste das Phänomen zumindest als assoziativer Faktor bei den Lungenerkrankungen irgendwo auffallen.“

Deutsche Umwelthilfe erwirkte Verbot für Diesel-Autos

Bei der Autoindustrie, die vehement gegen Fahrverbote für Diesel kämpfte, sind solche Worte wie Balsam für die Ohren – ganz anders dagegen die Deutsche Umwelthilfe, die die Verbote erwirkt hatte. Wie gut, dass beide Parteien am Montagabend in den ARD-Talk von Plasberg eingeladen worden waren.

Mattes hatte als Kontrahentin Barbara Metz, die stellvertretende Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Umwelthilfe (DUH) neben sich sitzen.

Metz wiederum wusste mit dem ehemaligen Grünen-Vorsitzenden und Spitzenkandidaten Cem Özdemir einen Verbündeten auf ihrer Seite und hatte mit dem CDU-Staatssekretär Oliver Wittke einen weiteren Gegenspieler. Immerhin will die CDU der DUH aktuell die Fördergelder kürzen. So richtig zünden wollte der Talk dann aber trotzdem nicht. Fünf Auffälligkeiten:

Die brisanteste Situation

Bernhard Mattes sprang brav über das eine Stöckchen, das Frank Plasberg ihm hin hielt. Per Einspieler wurde gezeigt, dass eine Hardware-Nachrüstung bei den Dieselfahrzeugen, die nicht die Schadstoffnorm von maximal 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter erfüllen, technisch möglich wäre und in den USA auch schon eingebaut wird. Auch ein Gutachten der Regierung kommt zum Schluss, dass die Diesel-Nachrüstung technisch möglich ist.

Der VDA-Chef widersprach zunächst nicht, sondern verwies lediglich auf die unterschiedlichen Wettbewerbssituation in den Ländern.

Plasbergs Schlussfolgerung: „Wir tun nicht das, was wir können, sondern nur das, wozu wir im jeweiligen Land gezwungen werden.“ Hierbei störte sich Mattes nur an dem Wort „gezwungen“.

Erst als Plasberg seinen Satz zum dritten Mal wiederholte, meldete Mattes Skepsis an, ob sich denn die Hardware wirklich so einfach nachrüsten lasse. Zu diesem Zeitpunkt hatte er die Glaubwürdigkeit in dieser Ausflucht aber schon lange verloren.

Da Plasberg mantraartig seine Zusammenfassung wiederholte, übernahm Özdemir die Moderation und setzte Mattes mit Nachfragen weiter unter Druck. „Das heißt ja, dass es technisch machbar wäre.“

Mattes, der zuvor schon mit dem Satz „Saubere Luft hat nichts mit der Manipulation zu tun“ nicht gerade geglänzt hatte, wusste nicht mehr als ein „Da gibt es für mich noch viele offene Fragen“ zu erwidern.

Die beste Diskussion

Die beste Diskussion führten in den ersten 20 Minuten der Sendung Dieter Köhler, Facharzt für Pneumologie und ehemaliger Präsident der Gesellschaft für Lungenheilkunde, und Barbara Metz zum Thema Wissenschaftlichkeit der Emissions-Studien.

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Köhler betonte vehement, dass von Autos ausgestoßenes Stickstoffdioxid für den Menschen keine gesundheitlichen Schäden hat und verwies darauf, dass die Richtwerte aus Studien von 1993 und aus den 80er Jahren stammen. Jetzt bräuchte man ernsthafte neue Studien, die aber bis zu 50 Millionen Euro kosten würden.

Barbara Metz widersprach und verwies auf viele bestehende Studien, die in den letzten Jahren erstellt wurden. Köhler fand aber, dass diese Studien auf falschen Grundlagen fußen.

Sein Fazit: Die vorgegebenen Emissionswerte und damit die Fahrverbote sind Quatsch.

Das veranschaulichte der Lungenfacharzt mit einer Michlmädchenrechnung: Bei einer Zigarette werde ein halbes Kilogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter ausgestoßen – also ein Millionenfaches von einem Dieselauto. „Wenn man das umrechnet, müssten die Raucher nach wenigen Wochen tot umfallen.“

Ein Problem bei dieser Argumentation: Während sich Raucher freiwillig aussuchen können, ob sie sich Stickoxiden aussetzen, sind Passanten beispielsweise auf ihrem Arbeitsweg den Stoffen unfreiwillig ausgesetzt.

Hierbei geht es nicht um das Abgasgemisch eines Autos, sondern um die Summer aller Autos. Allein in München fahren jeden Tag rund eine halbe Million Menschen mit dem Auto in die Stadt.

Über die Frage, ob Stickoxide wirklich schädlich sind, lässt sich trefflich streiten. Köhler gab am Mittwoch ein Positionspapier heraus, auf dem 107 Lungenfachärzte unterschrieben. Die These: Es gibt keine wissenschaftlich hinreichende Beweise. Andere Wissenschaftler und auch Pneumologen widersprechen der These.

Der überraschendste Moment

Für eine Überraschung sorgte Oliver Wittke (CDU), der als Lückenbüßer Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) vertrat, der ebenso wie Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) der Einladung zur Sendung nicht gefolgt war.

Den Brief des Kraftfahrtbundesamtes, der an 1,5 Millionen Fahrer alter Dieselmodelle geschickt wurde und diese aufforderte, sich ein neues Auto zuzulegen, hielt Wittke für „skandalös“.

Im Hinblick auf die Rolle von Verkehrsminister Scheuer, zu dessen Ministerium das Kraftfahrtbundesamt untergeordnet ist, fügte Wittke hinzu: „Ich hätte als Minister eine Reaktion gezeigt“. Dass der Staatssekretär einem Minister aus der Schwesterpartei in den Rücken fällt, ist einigermaßen ungewöhnlich.

Der überflüssigste Teil der Sendung

Am überflüssigsten war die Diskussion über Elektromobilität, eigentlich ein spannendes und wichtiges Thema. Allerdings sah die Abhandlung des Themas so aus, dass der ehemalige Formel-1-Rennfahrer Heinz-Harald Frentzen in erster Linie erzählen durfte, wie er mit seinem energetisch hochwertigem Haus Strom gewinnt, welches er zum Tanken seiner drei E-Autos nutzt, um damit nach Südfrankreich zu fahren. Oder seine Kinder aus der Schule abzuholen.

Es sollte klar werden, dass E-Mobilität die Zukunft ist. So weit, so einleuchtend. Die Finanzierbarkeit und die umweltschädliche Produktion der Batterien wurden dagegen nur am Rande gestreift und nicht diskutiert. Damit bot dieser Themenkomplex keinen Mehrwert.

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Die peinlichsten Momente

Für zwei Peinlichkeiten sorgte Frank Plasberg mit seiner Moderation. Gerade hatte er Özdemir zu Beginn der Sendung in die Runde eingeführt, da unterbrach er den Grünen-Politiker nach dem ersten Satz schon wieder lächelnd mit dem Satz: „Sie sind ein toller Gast und haben viel zu sagen.“ Wirklich was sagen durfte Özdemir dann aber rund 20 Minuten erst mal nicht mehr.

Lungenheilkundler Köhler, der nach dem wissenschaftlichen Teil der Sendung überhaupt nicht mehr in die Gesprächsrunde mit einbezogen wurde, erhielt das Schlusswort. Dass sich Köhler nicht nur zu medizinischen Themen äußern kann, schien Plasberg zu überraschen.

„Es ist toll, was ein Lungenfacharzt nochmal eben in die Runde werfen kann“, lobte er erstaunt und schöpfte damit eine Kelle Fremdschämpotenzial aus.

Das Fazit

Alle sind sauer über die Fahrverbote. Eine Idee hat nur Dieter Köhler: Stickstoffdioxid einfach Stickstoffdioxid sein lassen. Beim Rest wurden sachlich und routiniert die Standpunkte abgearbeitet.

Alles in allem war es eine Sendung, die zu wenig aus den möglichen Potenzialen gemacht hat. Das lag vor allem daran, dass eine Liste an Themen wie

  • Wissenschaft,
  • Umtauschaktion,
  • Hardwarenachrüstung,
  • und Elektromobilität abgearbeitet werden sollte.

Aufkommende Diskussionen wurden im Keim erstickt. Schade.

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