Operette

Duisburger Publikum feiert Premiere der Operette „Fledermaus“

Loses Leben im Leo-Muster: Seitenhiebe auf die Neureichen von Duisburg hat die neue „Fledermaus“ der Rheinoper auch zu bieten.

Loses Leben im Leo-Muster: Seitenhiebe auf die Neureichen von Duisburg hat die neue „Fledermaus“ der Rheinoper auch zu bieten.

Foto: Hans Jörg Michel

Duisburg.   Das Publikum jubelt, auch über Späße Richtung neureiche Duisburger. Premiere der „Fledermaus“ war Samstag im Stadttheater.

Jetzt hat sich schon wieder ein doofer Wirtschaftsförderer leimen lassen. Russischer Oligarch winkt mit Millionen qua Bahnhofsbau für Weltraum-Reisen – und der Pleitegeier über Duisburg spreizt eitel die Federn, fit fürs All.

Falls Sie diese tragikomische Geschichte der Kommunalpolitik noch nicht kannten, ist das völlig natürlich. Sie ging erst Samstag über die Bühne, bei der gefeierten Premiere der „Fledermaus“. Regie führt Axel Köhler, Ältere kennen den Namen noch aus dem Aalto-Theater. Der Countertenor sang einen großartigen Julius Cäsar.

Längst aber hat der frischgebackene Rektor der Dresdner Musikhochschule sich als Regisseur profiliert – und setzt auf eine Komödie mit wenig Wien und viel Duisburg. Dort bedeutet viel Geld wenig Geschmack: Wirtschaftsförderer Eisenstein lebt in Leo-Möbeln, Morgenrock inklusive. Die Zeit der kecken Kammerzofen ist auch vorbei: Adele ist bei Eisensteins Putzfrau, man twittert sich durch, selbst Opernstars können hier nicht mehr vom Singen leben: Tenor Alfred (off-on-Lover von Eisensteins Frau Rosalinde) jobbt als Gebäudereiniger. Abends „Siegfried“, tagsüber Sidolin streifenfrei: „Putzen ist mein zweites Standbein.“

Der einstige Countertenor Axel Köhler inszeniert für die Rheinoper Johann Strauß’ „Die Fledermaus“

Gewiss, nicht selten sind diese Aktualisierungen von unverblümter Plattheit (das Catering übernimmt mit der „Schimanski-Platte“ das ums Eck des Duisburger Theaters gelegene „Brendel“), aber entwaffnend ist die Wucht doch, mit der Köhler alle Patina wegwischt. Apropos Wisch: Geradezu leitmotivisch feudelt Köhler herum. Selbst Gefängniswärter Frosch hat sich vom Sliwowitz auf den Konsum von Scheibenreiniger verlegt, welcher Justizvollzugsbeamte in NRW wäre nicht auf klare Sicht angewiesen? Sie blödeln kabarettistisch, es wird getanzt wie am Broadway, die meisten singen ihre Partien glänzend, denken wir nur an Maria Perlt, die aus dem Soubrettchen Adele eine Primadonnen-Wunderwaffe herausschält.

Und doch ist der Abend nicht ohne Schwächen. Köhlers Mut, die Rache-Geschichte (Eisenstein hatte beim Fasching seinen besoffenen Kumpel Falke im Fledermaus-Kostüm öffentlich blamiert) von Beginn an als komplett abgekartet zu erzählen, bleibt ein Versprechen. Den doppelten Boden dieser Intrige, in der selbst Knastschwestern der JVA als Ball-Statisten Freigang bekommen, kriegen die Sänger darstellerisch nicht gestemmt. Das genüssliche Auskosten des Mitwissens bleiben fast alle schuldig.

Sex, Lügen, Macht - die Inszenierung zeigt deutlich, worum es geht. Aber sie hat Spannungslöcher

Frank Philipp Schlößmanns Bühne zaubert gegen Spannungslöcher, die bei Köhler vor allem der so dankbare erste Akt aufweist, bildmächtig an.Das Spiel um Sex und Lügen, Macht und Minderwertigkeit erblicken wir durch mehrere Barockrahmen. Im Innern aber wütet die Gegenwart in schillernder Verschwendung: Showtreppe, Lack, Leder, Feten mit Pfauenfedern und: eine gigantische Rakete! Da wir aber in Duisburg sind, stürzt sie ab. Es tröstet uns über solchen Fall der Geldgötter hinweg der nunmehr 80-jährige Wolfgang Reinbacher als Frosch. Wenn dieser alte Mann, mit weltwundem Herzen unter Tränen das Wiener Lied von der Kellergass’n singt, weiß man: Große Komik gibt es nur zum Preis der Tragödie.

Musikalisch überwiegt das Gute. Ovidiu Purcels Liebhaber in Boxershorts ist ein Alfred der Extraklasse, Norbert Ernst singt einen charmant aufgekratzten Eisenstein, Anke Krabbe Rosalinde stürzt sich mit Feuer in die Opernparodie. Der Lorbeer in Gold aber gebührt Duisburgs Philharmonikern. Wie dieses Orchester der Partitur geradezu pyrotechnisch Leben einhaucht, wie delikat es Rausch und Kater auskostet, das ist unter Benjamin Reiners’ Dirigat die reine Wonne. Ein Extra-Bravo für Schlagwerk und Trompeten, aber die Schwerkraft überwinden auf diesem Weltraumbahnhof alle Musiker.

>>> Termine:

„Die Fledermaus“, Theater Duisburg. Ca. 3,20 Stunden. Karten (19-76€) unter 0203 / 283 62-100. Oder online unter www.operamrhein.de


Die nächsten Termine im Dezember: 13., 15., 20., 23,. 25., 29. Die Silvester-Vorstellung ist komplett ausverkauft.

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