Literatur

Doris Dörrie: „Ich bin eine Rampensau“

Doris Dörrie (64) sitzt am Bühnenrand der Essener „Lichtburg“: Hier stellte sie ihren neuen Film „Kirschblüten & Dämonen“ vor.

Doris Dörrie (64) sitzt am Bühnenrand der Essener „Lichtburg“: Hier stellte sie ihren neuen Film „Kirschblüten & Dämonen“ vor.

Foto: Julia Tillmann / Julia Tillmann / FUNKE Foto Services

Essen.  Im Oktober stellt Doris Dörrie bei der Lit.Ruhr ihr Buch „Leben, Schreiben, Atmen“ vor. Ein Gespräch über Kindheit, die Oscar-Jury – und Japan.

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Wer einen Oscar bekommt, entscheidet in Zukunft auch Doris Dörrie. Die Filmemacherin und Autorin wurde vor kurzem von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences als Mitglied aufgenommen. Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York sowie später Regie an der Filmhochschule München. Dort unterrichtet sie seit 20 Jahren und gibt immer wieder Schreibworkshops. Mit Filmen wie „Männer“ und „Kirschblüten – Hanami“ erreichte Doris Dörrie ein großes Publikum. Parallel zu ihrer Regiearbeit veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane und Kinderbücher. Soeben ist ihr neues Buch „Leben, Schreiben, Atmen“ (Diogenes) erschienen. Mit Günter Keil sprach Doris Dörrie über das Schreiben als Grundbedürfnis.

Könnten Sie leben, ohne etwas zu Papier zu bringen?

Dörrie: Nein. Das ist ein existenzielles Grundbedürfnis, so wie das Lesen. Denn schreibend und lesend halte ich mich am Leben und überlebe. Jeden Tag wieder aufs Neue. Ich schreibe, um diese unglaubliche Gelegenheit, am Leben zu sein, ganz genau wahrzunehmen und zu feiern.

Was genau passiert bei Ihnen in diesem Prozess?

Das ist ein großes Abenteuer. Zu schreiben bedeutet, sich aus dem kleinen ordentlichen Garten mit gemähtem Rasen und Blumenrabatten herauszuwagen in den Dschungel. Ich gehe raus, beobachte, staune und erlebe, und notiere das. Indem ich meine Erlebnisse in Sprache fasse, verankere ich mich selbst mehr im Leben. Ich kann das nur jedem empfehlen: Wer schreibt, bekommt eine Ahnung von sich selbst. Und das ist wunderbar.

Warum werden dann all jene Menschen immer unglücklicher, die täglich in sozialen Medien über ihr Leben schreiben?

Weil das genau das Gegenteil von dem Schreiben ist, das ich empfehle. Dadurch, dass wir in immer stärkerem Ausmaß den digitalen Raum bewohnen, verlieren wir unsere tatsächliche Anwesenheit im eigenen Leben. Wir sind überfordert und erschöpft. Ich beobachte zudem eine irrsinnige Aggressivität, als ob den Leuten alles zu viel ist. Mir geht es oft nicht anders, aber mir hilft das Schreiben. Ich schreibe mit der Hand, koppele mich – zeitweise- ab von der digitalen Welt und habe das Gefühl, wieder in meinem eigenen Leben vorhanden zu sein.

Hatten Sie schon als Kind das Talent zum Schreiben?

Zunächst nicht. Alle anderen konnten es, nur ich nicht. Ich war Linkshänderin und mühte mich mit allem ab. Doch in der dritten Klasse änderte sich alles. Ich wurde für den Vorlesewettbewerb ausgewählt, genoss diesen Auftritt und bekam prompt den ersten Preis. Seitdem weiß ich: Ich bin eine Rampensau.

Wie kam es zu dieser Verwandlung?

Es ist ein kleines Wunder passiert. Zum einen war es ein unglaublicher Kick zu merken, wie Geschichten Menschen in den Bann schlagen können. Ich spürte, wie sich die Atmosphäre im Raum veränderte, wie aus Worten Bilder wurden und wenige Sätzen eine ganze Welt heraufbeschwören konnten. Das hat mich umgehauen. Rückblickend habe ich mich als Kind völlig in Märchenwelten und Geschichten verloren, so wie alle Kinder.

In Ihrem Buch erzählen Sie, dass das Lesen und Geschichtenerzählen in Ihrem Elternhaus allgegenwärtig waren.

Ich erinnere mich daran, dass meine Eltern ständig gelesen haben und dass wir alle sogar harmlos lügen durften, um eine bessere Geschichte zu erzählen. Das nannten wir „Tünen“. Mir und meinen Schwestern wurde sehr stark vermittelt, dass man ein großes Reich der Fantasie betritt, wenn man lesen kann und dass man nie auf diese Möglichkeit verzichten sollte. Auch meine Großeltern liebten Geschichten. „To tell a good story“ war immer die Prämisse bei uns am Esstisch.

Wann und wo schreiben Sie am liebsten?

Im Bett, gleich nach dem Aufwachen. Die Zähne habe ich dann schon geputzt, und einen Becher Kaffee neben mir. Der noch leicht somnambule Zustand hilft, Blödsinn zu schreiben, überhaupt zu schreiben. Wenn ich aufstehe, mich wasche und anziehe, ist es vorbei.

Wann wird aus Ihren privaten Beobachtungen ein Film oder ein Buch?

Die Übergänge sind fließend. Ich bin eine Flaneuse, die Lust am Aufsaugen der Welt und am Wiedergeben des Erlebten hat. Manche Figuren, die ich aufschreibe, wollen zum Film, manche nicht. Manchmal starte ich mit einer Prämisse, wie bei „Grüße aus Fukushima“ – den Ort wollte ich filmisch beschreiben, und die Figur der jungen Deutschen gab es schon in anderen Geschichten von mir als Vorstufe. Aber erst einmal lasse ich mich beim Schreiben vom allem inspirieren, selbst von fremden Einkaufszetteln, die ich sammle.

Es scheint, als seien Sie ein Mensch, der spontan auf Dinge stößt und sich auf neue Begegnungen einlässt.

Da ist etwas dran. Ich versuche, immer wieder möglichst offen zu sein und Dinge an mich herankommen zu lassen. Wir haben viel zu oft den Impuls uns zu verschließen, und das ist fatal, das verhindert Kommunikation und macht einsam.

Haben Sie sich diese Grundeinstellung schon während Ihres Studiums in den USA angeeignet?

Vielleicht ist dafür eher meine Neigung zu buddhistischen Sichtweisen verantwortlich. Aber die USA war natürlich sehr entscheidend für mich; ich habe dort eine unglaubliche Freiheit empfunden. Vieles, was jetzt wieder ein großes gesellschaftliches Thema ist, wurde damals schon heiß diskutiert: Konsumkritik, ökologische Aspekte, das Hinterfragen von Machtstrukturen. Im Gegensatz zu Deutschland habe ich mich in den USA dauernd ermuntert gefühlt, auch beim Schreiben. „Just do it!“ war das Motto. Das war eine große Befreiung für mich. Diese prinzipielle Ermunterung versuche ich weiter zu geben.

Später entdeckten Sie Japan für sich und waren inzwischen mehr als 30 Mal dort. Inwiefern hat dieses Land Sie geprägt?

Für mich war der erste Besuch der wichtigste. Dieser Schock, mich nicht mehr über Sprache verständigen zu können, nichts mehr lesen zu können, auf einen Schlag völlig auf mich zurückgeworfen zu sein – das hatte eine euphorisierende Wirkung. Ich war verdonnert dazu, genau zu beobachten und registrieren, was vor sich geht. Diese Notwendigkeit hat mir viel gebracht und letztlich zu Filmen wie „Kirschblüten – Hanami“ geführt.

Ab nächstem Jahr dürfen Sie über die Vergabe der Oscars mitbestimmen. Wie haben Sie von dieser Ehre erfahren – gab es einen Anruf der Academy of Motion Picture Arts and Sciences?
Ganz im Gegenteil. Mein Mann hatte im SPIEGEL von meiner Berufung gelesen und mir erzählt, ich dachte, das wäre eine Falschmeldung oder ein Witz. Denn ich wusste von nichts. Wochen vergingen, auch andere Medien berichteten darüber, und so fragte ich nach. Dabei stellte sich heraus, dass die Academy meine Mailadresse falsch geschrieben hatte.

Wie stehen Sie grundsätzlich zum Oscar? Ihre Filme scheiterten mehrmals in der Vorauswahl zum Auslandsoscar.
Da ich kaum Nazis in meinen Filmen habe, ist das auch nicht verwunderlich. Aber im Ernst: Die Frage ist, ob man demokratisch über die Qualität eines Kunstwerks entscheiden kann. Meistens gibt es einen kommerziellen Kompromiss, und das bedeutet, dass so begeisternde Filme wie „Moonlight“ die Ausnahme bleiben. Man darf auch nicht vergessen, dass Hollywood eine Industrie ist. Für Kunst ist da nicht viel Platz.

Doris Dörrie: Leben, Schreiben, Atmen. Diogenes, 176 S., 18 €. Lesung: Zollverein 13.10. in Essen. www.lit.ruhr.

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