Kino

Dokumentarfilm „Ü100“ zeigt Leben der Über-Hundertjährigen

Szene aus „Ü100“: Hella ist 102 Jahre alt, gehört aber nicht zum alten Eisen. Sie geht selbst zum Friseur und hält bei Feiern knackige Reden.

Foto: Picshotfilm

Szene aus „Ü100“: Hella ist 102 Jahre alt, gehört aber nicht zum alten Eisen. Sie geht selbst zum Friseur und hält bei Feiern knackige Reden. Foto: Picshotfilm

Essen.   „Das Alter ist ja kein Verdienst“: Ruja Diebolds Film „Ü100“ ist kitschfreies Kino, aus dem besonders Jüngere viel lernen können.

Ruja Diebold wollte nicht mitmachen bei einem Film zur Generation „Ü100“ – dann wüssten sie ja alle, wie alt sie sei. Aber als Pianistin? Das ging. Also huschen Rujas krumme Finger über die Tasten, herzwärmend energisch hämmert sie Mozart, Chopin, Glenn Miller auf einem völlig verstimmten Klavier. Ein schönes Bild fürs Altsein: Nichts ist wie früher, und das ist plötzlich ein Wert für sich.

Ein Film wie eine Verneigung

Da kommt ein Film ins Kino, der sich vor etwas verneigt, das im Kreise unserer Urgroßeltern noch als Sensation galt. Heute aber sind die 100-Jährigen ein Massenphänomen, ein wachsendes Heer, überrumpelnd mobil die einen, Sinnbild der Gebrechlichkeit die anderen: Miteinander gemein haben sie 100 Frühlingserwachen, 100 Winter, 36 500 Tage auf der Erde, und bei den meisten sind es ja mehr.

„100 ist ja kein Verdienst, man wartet nur ab“. Hella, 102

Sie sind unter uns – aber wer sieht sie sich (und ihre Gaben) genauer an, außer Pflegern, Enkeln und stellvertretenden Bürgermeister zu runden Geburtstagen? In diesem Fall die Regisseurin Dagmar Wagner. Mit freundlicher Neugier und einem sehr behutsamen Kameramann zog sie los, das Reich der unglaublich Alten zu bereisen. Sie traf dort die Weisen, die Beherzten, die Ratlosen, die Dankbaren, die Witzigen.

„Es gibt einen Schöpfer. Ich trage ihm jeden Tag meine Wünsche vor – nur ist er wahrscheinlich so schwerhörig wie ich. Er kriegt nicht alles mit“. Franz Xaver, 100

Acht Hundertjährige regieren einen Film, der meilenweit davon entfernt ist, Greise aus dem Fenster steigen zu lassen, von Knallchargen am Rollatorgriff in bettflüchtiger Frivolität. Der Film ist viel weniger, also mehr. Ein wacher, wohl wenig geschönter Blick auf das, was sein kann, wenn man zur eigenen Verwunderung immer noch da ist. Theresia zum Beispiel liegt nur noch im Bett. Die „Dritten“ sitzen keineswegs fest, aber sie lacht und weint, wenn sie sich erinnert. Und findet’s zum Schießen, dass sie eigentlich „nix und niemand“ mehr versteht. „Was war für Sie wichtig im Leben?“, schreit ihr Dagmar Wagner im dritten Versuch ins Ohr. Und Theresia versteht: „Was hat’s zum Frühstück gegeben?“ Wieder Lachen. Unverständnis als Mittel zum Glücklichsein? Man sieht das und staunt, ist berührt und immer sehr nah dran. So ist ein Film, der Schauspieler nicht nötig hat.

„Ein Gegner von Bayern, der muss schon Niveau haben.“ Erna, 104

Wo man strandet, wenn man die ganzen Wellen und Untergänge, die Stürme und Flauten des Lebens hinter sich hat? Erna findet das deutsche Fernsehprogramm so grausig, dass sie nur noch Fußball schaut. Hella, 102, geht selbst zum Friseur, hält auf jeder Feier knackige Reden, nimmt zum Betthupferl (Rotwein und Schokolade) die Zähne raus und findet, dass es eigentlich reicht mit dem Leben. Ernst hat mit 101 einen Einbrecher vertrieben, Anna (103) war nur für die Familie da und zieht daraus eine Bilanz der Bescheidenheit: „Was habe ich geleistet? Für die Allgemeinheit überhaupt nichts!“

85 Minuten, reich angefüllt mit knapp 820 Jahren Mensch. Hat er eine Botschaft? Wagners großes Verdienst ist, die Sätze und Bilder ihrer Helden nicht mit Thesen zu deckeln. So bleibt „Ü100 – acht über Hundertjährige und ihr Leben“ eine stille Studie, deren Säulen Dankbarkeit sind, Zufriedenheit und so kleine Dinge wie die Freude an alten Bäumen („Das sind meine Kameraden!“) oder das greise Glück über ein schönes Tor.

Zu uns Jüngeren, Getriebenen, Verwöhnten, Gierigen, sprechen hier Geister aus einer anderen Welt. Erst recht, wenn sie wie Franz Xaver dem Tod gelassen ins Auge sehen: „Ich bin nicht depressiv veranlagt, aber meinem Alter entsprechend ist es höchste Zeit.“

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