Internet-Konkurrenz

Deutscher Buchmarkt verliert mehrere Millionen Leser

Laut Zahlen des deutschen Buchmarktes sinkt die Zahl der Buch-Leser in Deutschland. Aber: In der sehr jungen Zielgruppe gibt es Zuwächse.

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Laut Zahlen des deutschen Buchmarktes sinkt die Zahl der Buch-Leser in Deutschland. Aber: In der sehr jungen Zielgruppe gibt es Zuwächse. Foto: WAZ FotoPool

Hagen.   Dem deutschen Buchmarkt laufen die Kunden davon. In den letzten Jahren verlor die Branche über sechs Millionen Käufer. Aber es gibt Hoffnung.

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Dem deutschen Buchmarkt laufen die Kunden davon. Vor allem die Zahl jüngerer Leser schrumpft. Erstmals sind gestern auf einer Fachtagung des Börsenvereins des deutschen Buchhandels Zahlen zu der Problematik vorgestellt worden. Von 2012 bis 2016 hat die Branche 6,1 Millionen Buchkäufer verloren. Die absolute Zahl der Buchabwanderer ist sogar noch höher und beträgt 8,9 Millionen Kunden.

Das ermittelt die Gesellschaft für Konsumforschung im Auftrag des Börsenvereins. Allerdings wirken sich die Verluste nur bedingt auf die Umsätze aus. Denn die Stückzahl der verkauften Bücher ist demnach lediglich um drei Millionen zurückgegangen. Die Schere zwischen Nicht-Lesern und Viellesern geht weiter auf: Weniger Kunden haben mehr oder teurere Titel gekauft, die Kaufintensität hat zugenommen, wie das Börsenblatt mitteilt.

Starke Konkurrenten im Netz

Was sind die Ursachen für das veränderte Leseverhalten? Erste Befunde der Marktforschung sind gestern bei der Fachtagung der Publikumsverlage vorgestellt worden. Die Internetnutzung hat zugenommen, vor allem die mittleren Jahrgänge sind im Netflix-Zeitalter angekommen. Gleichzeitig bleibt das gesamte Medienzeit-Budget stabil, das Buch kann sich also gegenüber digitalen Angeboten weniger behaupten.

Dazu korrespondieren die Zahlen: Nur noch 42 Prozent der Deutschen lesen regelmäßig mindestens einmal pro Woche ein Buch. Unabhängig vom Bildungsniveau betrifft der Rückgang überproportional die Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen und der 30-bis 59-Jährigen. Auch hier lässt sich wieder eine Schere festmachen: Personen mit einfacher Schulbildung stellen einen Leseranteil von nur noch 16 Prozent; mit 56 Prozent ist der Leseranteil bei Deutschen mit höherer Schulbildung am größten, so das Börsenblatt.

Kinder und Großeltern lesen

Das Internet ist der Zeiträuber. Dabei spielen die digitale Kommunikation, Online-Spiele und Videostreaming eine wichtige Rolle. „Im Gesamtmarkt der Entertainment-Angebote (Kino, Video, Games, Musik, Bücher) verliert das Buch als einziges Medium ­Anteile“, analysiert das Börsenblatt. Während die Kaufbereitschaft der jüngeren Zielgruppe einbricht, steigt allerdings die Zahl der sehr jungen und der älteren Käufer. Jana Lippmann, Leiterin der Marktforschung des Börsenvereins, wird vom Börsenblatt zitiert: „Die Buchkäufer werden immer älter.“

Diese Befunde decken sich mit den soeben publizierten Tendenzzahlen des Börsenvereins für das Jahr 2017. Danach treibt der Kinder- und Jugendbuchmarkt weiter das Geschäft an. Dieses Segment hat die Branche jahrelang aus den roten Zahlen gezogen; noch 2016 gab es durch den Harry-Potter-Effekt einen Umsatzsprung von plus 9 Prozent. 2017 hat der Bereich 2,3 Prozent eingebüßt, hält sich damit weiter auf hohem Niveau. Es sind Kinder und Jugendliche bis 19, die Bücher kaufen – und die Großeltern, die ihre Enkel mit Lesestoff beschenken.

Gründe sind vielschichtig

Der Börsenverein untersucht derzeit die Motive der Buchabwanderer. Angegeben werden:

  • Zeitknappheit durch ein wachsendes Angebot an Freizeitaktivitäten
  • Aufmerksamkeitsdefizit durch Informationsüberflutung
  • Abhängigkeit von digitalen Medien
  • Verlust der Konzentrationsfähigkeit
  • Wachsende Bedeutung von Videostreaming
  • Die gesellschaftliche Rolle des Bücherlesens wird schwächer.
  • Die digitale Freizeit und Arbeitswelt ist immer kürzer getaktet und setzt immer mehr die Bereitschaft zum Multitasking voraus.

Die Schlussfolgerungen daraus sind von hoher politischer Brisanz: Der Verlust an Lesemomenten geht mit dem Verlust der Fähigkeit einher, lange Texteinheiten konzentriert zu lesen.

Doch erste Studienergebnisse lassen laut Börsenblatt auch Hoffnung aufkommen. Viele Befragte bedauern, dass sie nicht mehr zum Lesen kommen, schätzen Bücher als „Oasen der Entschleunigung“. Bücher bedienen Bedürfnisse, die digitale Medien nicht befriedigen können.

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