EINSCHNITT

Der Literaturszene im Ruhrgebiet droht jetzt ein Vakuum

Foto: S. Steinert

 Foto: S. Steinert

Essen.   Das Literaturbüro in Gladbeck verwaist. Der Regionalverband Ruhr strebt ein „Zentrum“ an. Besonders gebraucht werden: Förderung und Vernetzung.

Ab Mitte März ist das Literaturbüro Ruhr in Gladbeck verwaist. Der langjährige Leiter Gerd Herholz geht, im Groll, vorzeitig in den Ruhestand; Mitarbeiterin Verena Geiger wechselt ans Literaturhaus in Herne. Nachfolger aber hat der Verein, der das seit 1986 bestehende Büro trägt, noch nicht benannt. Ein Vakuum aus Gleichgültigkeit? Hilflosigkeit? Oder Kalkül?

Fest steht jedenfalls: Es wird einen tiefen Einschnitt geben – zu einem Zeitpunkt, an dem das Literaturbüro finanziell besser steht denn je: Das Land NRW hat seinen Zuschuss zum Büro um 30.000 Euro erhöht, der Regionalverband Ruhr (RVR), der zu den Trägern des Büros gehört, hat erstmals seit 15 Jahren seinen Beitrag zum Literaturpreis Ruhr aufgestockt, dessen Vergabe das Büro organisiert. Und dann hat die Kunststiftung NRW auch noch 17.000 Euro für eine Lese­reihe unter dem Titel „Crisis? What crisis? – Arbeitswelten in der Literatur“ bereitgestellt.

Eine Herkulesaufgabe

Herholz, der im Blog „Revierpassagen“ ein Interview mit sich selbst geführt hat, fürchtet, dass die Zukunft des Büros „verramscht“ wird und dessen Zeit als „Komplize literarischen Eigensinns“ abgelaufen ist. Der RVR will nach jahrzehntelanger Untätigkeit in Sachen Literatur nun mit aller Macht die Literatur-Akteure des Ruhrgebiets miteinander vernetzen, was eine gewisse böse Ironie birgt – weil sich damit eine langjährige Forderung von Herholz in dem Moment erfüllen wird, da er abgetreten ist.

Ob diese Vernetzung von A wie Aphorismus-Archiv Hattingen bis Z wie der Zeitschrift „Schreibheft“ zustandekommen wird, ist noch offen. Auch RVR-Direktorin Karola Geiß-Netthöfel betont vorsichtig, dass die Kulturdezernenten, das Land und der Regionalverband die Szene nur vernetzen möchten, „so weit sie das will“. Vielleicht bietet man deshalb für diese Moderations-Herkulesaufgabe, wie zu hören ist, nur 50.000 Euro an, während für die Vernetzung der Ruhrkunstmuseen von 2011 bis 2014 Jahr um Jahr das Vierfache zur Verfügung stand.

Gegen Event-Rummel und Festivalisierung gesperrt

Was auch an der vergleichsweise geringen touristischen Magnetwirkung liegen könnte, die man sich von der Literaturszene Ruhr erhofft. Die hat sich bislang, vom eher westfälisch orientierten Literaturbüro Unna mit seinem „Mord am Hellweg“ abgesehen, höchst erfolgreich gegen Event-Rummel und Festivalisierung zum Zwecke des Stadt-Marketings gesperrt. Das wiederum hat jene Marktlücke offengelassen, in die dann die ungeliebte, aus Köln importierte Lit.Ruhr vorgestoßen ist.

Sie sorgt für die ersehnten Tagesschau-Kameras und Glamour-Feeling. Aber eben nur an fünf Tagen für Literatur im Revier, und dann auch nur für Hör- und Leseförderung. Alles andere, die Verlagsförderung (jüngst haben gleich mehrere Kleinverleger der Literatur im Ruhrgebiet aufgegeben), die Nachwuchs- und die Autorenförderung, die Werkförderung und dann auch die Hör- und Leseförderung an den übrigen 360 Tagen im Jahr bleibt immer noch zu tun. Eine Arbeit, die mal hier, mal dort, von Zeit zu Zeit und vollkommen ohne Abstimmung untereinander, die vielen verschiedenen Literatur-Akteure im Ruhrgebiet stemmen. Oder auch nicht, abhängig von gutem Willen und einer (selten zuverlässigen) Finanzierung.

Ein Dach für die Szene

Die literarische Grundversorgung der Region, die ja immer vor Ort stattfindet, könnte besser werden durch eine Vernetzung. Die Frage ist, ob die Instanz dafür, wie vom Regionalverband bislang angedacht, „Literaturzentrum“ heißen sollte – das klingt nach einer Kombination aus evangelischer Gemeindearbeit und Übermacht, was bei nicht wenigen Akteuren allergische Reaktionen auslösen dürfte (und ja auch wenig zum oft beschworenen „polyzentrischen“ Charakter des Reviers passt).

Gebraucht wird vielmehr ein Dach für die Literaturszene, unter dem die Knoten eines Netzes entstehen können. Ein Literaturhaus, das mindestens so sehr die Metapher für jenen offenen Spielraum ist, der das Zusammenleben der Literatur-Akteure ermöglicht, wie zugleich ein konkreter, von Mauern umgebener, lebens- und liebenswerter Abspielort für Lesungen. Es wird allerdings verwaisen ohne eine Integrationsfigur, die das Vertrauen und den Respekt der literarischen Akteure zwischen Dortmund und Duisburg genießt. Gerd Herholz hätte das sein können. Jemand anderen zu finden, wird nicht leicht. Zumal es jetzt schnell gehen muss.

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