Literatur

Dave Eggers bereitet mit seinem „Parade“-Roman Lesevergnügen

20181215-Gent-Belgium Portret van schrijver Dave Eggers

20181215-Gent-Belgium Portret van schrijver Dave Eggers

Foto: Brecht Van Maele / Handout

Essen.  Dave Eggers, Viel- und Erfolgreichschreiber, scheitert mit dem Trump-Roman „Der Kapitän“ und glänzt mit der großen Parabel „Die Parade“.

Der US-amerikanische Autor Dave Eggers ist einer der umtriebigsten seiner Zunft, dabei ein Grenzgänger zwischen literarischem Experiment und Journalismus. Mit seinem halb biografischen Roman „Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität“ über den Krebstod seiner Eltern und seiner frühen Verantwortung für den viel jüngeren Bruder gewann er 2001 den Pulitzer-Preis. Es folgten realitätsgesättigte Romane wie „Zeitoun“ (über die Folgen von Hurrikan Katrina in New Orleans), „Der Mönch von Mokka“ (über den Amerikaner Mokhtar Alkhanshali und dessen Traum vom Kaffeeimport aus dem Jemen) oder „The Circle“ (über den Überwachungswahnsinn des Silicon Valley, verfilmt mit Emma Watson).

„Ein herzzerreißendes Werk...“ und „Zeitoun“

Kurzum: Ein gewisser Hang zur Gesellschaftskritik ist Eggers ebenso wenig abzusprechen wie ein Händchen für gut vermarktbare Themen. Wenn nun gleich zwei Romane von Dave Eggers auf Deutsch erscheinen, dürfen wir einen der beiden der Kategorie Marktschreiberei zuschlagen. Denn nach dem Briten Howard Jacobson („Pussy“) hat sich nun auch Eggers über Donald Trump hergemacht: Bei ihm ist er „Der größte Kapitän aller Zeiten“ auf einem Kreuzfahrtschiff – gewählt von Passagieren, die gerade seine Überheblichkeit und Dummheit, seine Lügen und Hochstapeleien als radikale Ehrlichkeit preisen, entlässt dieser Kapitän zunächst das bisherige Personal und holt Freunde und Verwandte an Deck und später noch ein paar Diktatoren, die ihn überzeugen, zur Abschreckung der Bootsflüchtlinge einige verhungerte Passagiere in Käfigen an der Reling baumeln zu lassen. Alles sehr lustig – nichts aber überraschend.

Anders verhält es sich mit dem Roman „Die Parade“. Im Auftrag einer namenlosen Firma sind zwei Männer, die sich gegenseitig die Decknamen „Neun“ und „Vier“ geben, in einem namenlosen, noch kürzlich vom Bürgerkrieg gebeutelten Entwicklungsland. Eine Straße sollen sie asphaltieren, eine 230 Kilometer lange, schnurgerade Trasse in die Hauptstadt, zwölf Tage haben sie Zeit. Vier will es in zehn schaffen – die Maschine, eine RS-80, kann immerhin 25 Kilometer pro Tag machen. Vier ist der Homo Faber in dieser Unternehmung, ein rationaler Zahlenmann, Neun hingegen der genussfreudige Gutmensch, der Land und Leute (vor allem die weiblichen) liebt und sich von einer Hütte zur nächsten durchfüttern lässt, bis er krank im Zelt liegt und so mit seinem drohenden Tod den Zeitplan ebenso gefährdet wie Viers Reputation als pünktlicher, zuverlässiger Arbeiter.

Bittere Ironie stimmt nachdenklich

Das Parabelhafte dieses Romans ist durchzogen von bitterer Ironie: Wie die Einheimischen auf die Fremden reagieren, wie selbst Vier sich schließlich auf die Hilfsbereitschaft, die Gastfreundlichkeit einlässt, wie er seine selbstauferlegte Distanz aufgeben muss, das alles erzählt Eggers mit einem einfühlsamen Augenzwinkern. Das höchst bittere, überraschende Ende seines Werks legt er seinen Lesern mit einem Schulterzucken vor die Füße: Seht her, so ist die Welt, was kann ich dafür! Ein großes Lesevergnügen, so unterhaltsam wie nachdenklich stimmend.

Dave Eggers: Der größte Kapitän aller Zeiten. Kiepenheuer & Witsch, 128 S., 14 €. Dave Eggers: Die Parade. Kiepenheuer & Witsch, 192 S., 20 €.

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