Rap

Das Warten hat sich gelohnt: Dendemanns „Da nich für“ ist da

Ganz entspannt im Hier und Jetzt: Dendemann

Ganz entspannt im Hier und Jetzt: Dendemann

Foto: Nils Müller/Vertigo

Für den Nachfolger von „Vom Vintage verweht“ hat sich Dendemann aus Menden neun Jahre Zeit genommen. Und Gäste wie Casper oder Trettmann geladen.

Der Running Gag hatte schon einen langen Bart: Dendemann und seine neue Platte. Wie weit ist er denn? Wann kommt sie endlich? Wird das überhaupt noch was? Wird es. Und zwar genau jetzt. Selten war die Phrase „Das Warten hat sich gelohnt“ treffender als im Falle von

Sich neun Jahre Zeit zu nehmen für sein drittes Album und das erste seit „Vom Vintage verweht“, das war natürlich ein Luxus, den man sich erst einmal leisten können muss. Zumal in Zeiten, in denen andere Rap-Kollegen ihre Singles mehr oder weniger wöchentlich und ihre Alben im Halbjahrestakt auf den Markt werfen. Doch Dendemann, vor 44 Jahren als Daniel Ebel in Menden im Sauerland geboren, hat sich bei seinem neuen Werk „Da nich für!“ genau diesen Luxus gegönnt und ganz in Ruhe eine Platte gemacht, die seinen anspruchsvollen Vorstellungen entspricht. „Ich bin tiefenentspannt“, sagt der Meister, landläufig als Dende abgekürzt, nun, da sein Werk vollbracht ist. „Ich glaube, es ist sehr rund geworden.“

Mit dieser Einschätzung liegt der lakonisch, manchmal gar etwas schluffig wirkende Musiker goldrichtig. „da nich für!“ ist ein Rap-Album, wie man es so noch nie gehört hat. Dendenmann blickt einerseits zurück auf seine Wurzeln, sowohl inhaltlicher („Wo ich wech bin“ ist eine klare Hommage an die Sauerländer Provinz) als auch musikalischer Art. Mit I.L.L. Will trägt ein Produzent und alter Spezi zum Gelingen der Platte bei, der schon vor über 20 Jahren mit an den Reglern saß, damals war Dende neben DJ Rabauke eine Hälfte des Hamburger HipHop-Duos Eins Zwo, das im Umfeld von Fettes Brot und der Beginner zu respektablem Erfolg kam. Die Beginner selbst revanchieren sich nun quasi und sind auf „BGSTRNG“ mit von der Nostalgie-Partie, die dank Autotune auf den Scatches und der fetten Produktion der drei Krauts (Marteria, Peter Fox) freilich mehr nach 2018 als nach 1998 klingt. Überhaupt: Die Krauts. Schon kurz nachdem Dendemann 2014 die Arbeit am neuen Album aufnahm (ja, so lange ist auch das schon her), konnte er die Jungs für sich gewinnen. „Die Krauts haben bewiesen, dass sie Hits machen können. Und sie haben auch auf diesem Poplevel eine irre Stilsicherheit.“

Die Verschmelzung von Pop und HipHop ist sowieso eines von Dendes zentralen Anliegen auf „Da nich für!“ Das Album ist ein klangliches Fest, es knallt und scheppert an jeder Ecke, nicht zuletzt im Industrial-Rap „Menschine“; das andere Extrem sind sehr reduzierte, vornehmlich auf Stimme basierende Stücke wie „Drauf und Dran“. Auch die Gäste kommen aus unterschiedlichsten Metiers. Während Dancehall-Rapper Trettmann auf „Littbarski“ locker-flockig darüber mitrappt, dass Dende – statt seiner Freundin auf die nächste Feier zu folgen – lieber zuhause beim Hund bleibt (Freundin und Hund gibt es wirklich, die Situation auch), prangert er gemeinsam mit Casper auf „Alle Jubilare wieder“ die hedonistische Haltung vieler (vor allem in Berlin anzutreffender) Party-People an. Und in „Zeitumstellung“ unterstützt ihn Arnim Teutoburg-Weiß von den Beatsteaks. Dendemann: „Ich bin glücklich, dass man dank der vielen Vocalsamples und Features das Beste von mir kriegt: Die klaren, aufgeräumten Strophen. Ich singe ja kaum Refrains. Ich bin eher der Strophenmann als der Refrainmann.“ Stolz ist Dende auch auf die Samples der verstorbenen Legenden Hildegard Knef („Müde“) und Rio Reiser („Zauberland“). „Ich bin mit den fertigen Songs an die Sample-Urheber herangetreten. Da bringst du dich in eine Bedürftigkeit, das muss dann klappen, auch wenn die andere Seite Honorare aufruft, bei denen du sonst gesagt hättest ,Nö, dann lassen wir es’. Das war knifflig, aber ich habe mir das gegönnt.“

Die ausgedehnte Pause zwischen den Veröffentlichungen liegt freilich nicht nur an Dendemanns eher gemächlicher Grundstruktur, sondern auch an seinem TV-Job, den er zwei Jahre lustvoll ausführte: Musikalischer Direktor bei Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“. „Die Sendung war das kalte Wasser, in das ich geworfen wurde und dass ich gebraucht hatte. Als Künstler hat mich das absolut weitergebracht.“ Auch neues Publikum habe er durch die wöchentliche Show einsammeln können, ein durchaus willkommener Nebeneffekt der auf der anderen Seite auch ziemlich aufreibenden Tätigkeit. „Ich glaube, dass mich beim ‚Neo Magazin‘ viele Leute kennengelernt haben, denen ich sonst nicht begegnet wäre. Viele Pophörer finden in meiner Musik etwas wieder, das ihnen zusagt“. Und außerdem sorgte, so Dende, der Job in der Satiresendung dafür, dass „Da nich für!“ ein ziemlich gesellschaftspolitisch geprägtes Album geworden ist. „Im „Neo Magazin Royale“ habe ich einen Ton für solche Themen entwickelt. Natürlich bieten die Nazis ein wunderbares Feindbild, bei dem man sofort in Wallung gerät. Aber die drei Anti-Rechts-Zeilen sind es nicht, die die Platte politisch machen.“ Politisch machen es gesellschaftskritische Stücke wie der Anti-Selbstausbeutungsnummer „Menschine“ und dem berührenden Anti-Anti-Flüchtlingsstimmungslied „Zauberland“, „die eigentlich eher auf Empathie zielen als auf politische Geschehnisse.“

Dass Dendemann, der nach Jahren in Hamburg nun seit auch bereits neun Jahren in Berlin lebt (das Kottbusser Tor erinnere ihn an die Lower East Side von Manhattan: „Nicht die schönste Ecke, aber du hörst zehn Sprachen auf hundert Metern“), mit seiner Comeback-Platte zu spät dran ist, glaubt er schon aufgrund seiner Vita nicht. „Ich war ein Spätzünder, als Kind immer der Kleinste und der letzte in meiner Klasse, der in die Pubertät kam. Da ich es nicht anders gewohnt bin, würde es mich nicht wundern, dass ich den Zenit meines Schaffens jetzt erst mit 44 erreiche.“

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