Ausstellung

Dortmunder Fußball-Museum zeigt „Herbergers Welt der Bücher“

Vor der Bücherwand: Trainer-Legende Sepp Herberger mit seiner Frau Eva, aufgenommen im Jahr 1977.

Foto: Nachlass Sepp Herberger

Vor der Bücherwand: Trainer-Legende Sepp Herberger mit seiner Frau Eva, aufgenommen im Jahr 1977. Foto: Nachlass Sepp Herberger

Dortmund.   Carnegie, Platon, Mao: Trainer-Legende Sepp Herberger hinterließ eine große Bibliothek. Und die ist bald im Fußball-Museum in Dortmund zu sehen.

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Das Wunder von Bern war gar kein Wunder. Josef Herberger, den alle Welt nur „Sepp“ nannte, hatte mit aller Macht und akribisch darauf hingearbeitet, hatte die Seelen seiner Spieler zum Teil monatelang in Briefen und Gesprächen auf die Weltmeisterschaft hinmassiert, hatte seine Taktik bis in scheinbar unwichtige Details ausgefeilt. Sein enormes strategisches Denken und all die psychologischen Tricks waren freilich nicht vom Himmel gefallen, der an diesem 4. Juli in Bern ja zudem ja noch hoffnungslos verregnet war. Der „Chef“, wie ihn die Spieler ehrfürchtig nannten, hatte, was er wusste und kannte, zu einem erheblichen Teil aus – Büchern!

Jener eigenwillige Herberger, den die Welt nur im Trenchcoat kannte oder im Trainingsanzug, war ein geradezu fanatischer Leser, er unterstrich mit seinem Füllfederhalter, machte Bemerkungen am Seitenrand, notierte Verweise, Fragen und Ideen. Herberger las querbeet – Mao und Machiavelli, Clausewitz, Ringelnatz und Platon und sogar Dale Carnegies Lebenshilfe-Klassiker „Sorge dich nicht, lebe!“ Als Herberger im April 1977 mit 80 Jahren starb, hinterließ er eine respektable Bibliothek von rund 1500 Bänden.

Liebe zum Buch nicht gerade in die Wiege gelegt

Josef Herberger, als Sohn eines Tagelöhners und Arbeiters 1897 auf dem Waldhof bei Mannheim zur Welt gekommen, war die lebenslange Liebe zum Buch nicht gerade in die Wiege gelegt worden. In der Schule zählte er allerdings von Anfang an zu den Klassenbesten. Das Gymnasium musste er allerdings nach nur einem Jahr wieder verlassen, sein Vater war gestorben, die Mutter konnte das Schulgeld nicht mehr aufbringen. Mit 14 musste sich Herberger als Hilfsarbeiter verdingen, um die Familie zu ernähren – was ihn allerdings nicht davon abhielt, Fußball zu spielen. Mit 16 stürmte er für die erste Mannschaft des SV Waldhof, 1921 dann bekam er ein Handgeld von 10.000 Mark für einen Wechsel zum Lokalrivalen MFC Phönix 02, später eine Stelle bei der Dresdner Bank für einen Wechsel zum VfR Mannheim.

Als Sonderbegabung bekam Herberger 1926 auch ohne Abitur einen Studienplatz an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen. Vier Jahre später bekam er mit 33 als Jahrgangsbester sein Diplom (mit der Arbeit „Der Weg zur Höchstleistung im Fußballsport“) – nur im Fach Psychologie, ausgerechnet, kam er in der Abschlussnote nicht über ein „genügend“ hinaus. Was Herberger nicht nur wurmte, sondern zum Bücherwurm in Sachen Seelenkunde machte. Unzählige Titel seiner Bibliothek mit heftigen Bearbeitungsspuren legen beredt Zeugnis ab davon. „Psychologie des Sports“, „Psychologie der Persönlichkeit“, Ernst von Asters’ „Die Psychoanalyse“, Horst Geyers Forschungen über die Dummheit, August Messers „Sexualethik“ und Dale Carnegies millionenfach verkauftes Hauptwerk „Wie man Freunde gewinnt“ von 1938.

„Flach spielen, hoch gewinnen“

Gerade Carnegies Neigung, seine eher simpel gestrickten Lebensbewältigungsstrategien aus Sprichwörtern abzuleiten oder in kurzen, einprägsamen Sätzen zu bündeln, war Vorbild für Herbergers legendäre Fußballweisheiten von „Das Spiel dauert 90 Minuten und der nächste Gegner ist immer der schwerste“ bis hin zu „Flach spielen, hoch gewinnen“ oder „plakativen Sprachbildern“ wie „Der Ball ist rund“. „Herberger“, sagt Manuel Neukirchner, hat Carnegies Bestseller regelrecht seziert.“ Und dessen Lehrsätze auf den Fußball übertragen.

Diese noch nicht allzu verbreiteten Erkenntnisse sind eine Entdeckung von Manuel Neukirchner, dem Chef des Dortmunder Fußballmuseums. Dort wird Ende nächster Woche die Sonderausstellung „Herbergers Welt der Bücher“ eröffnet, das gleichnamige Buch zur Ausstellung trägt den Untertitel „Die unbekannten Seiten der Trainer-Legende“. Und auch die Einsichten des gelernten Literaturwissenschaftlers Manuel Neukirchner sind nicht vom Himmel gefallen: Bevor er beim Fußball-Museum anheuerte, war er zwei Jahre lang Chef der Herberger-Stiftung, die der Deutsche Fußball-Bund ins Leben rief und die Herbergers Nachlass betreut.

Mao wird bei Herberger zum Fußball-Strategen

Bei seinen Buch-Lektüren ist Herberger radikal fokussiert, an Clausewitz’ Beschreibung des Partisanenkampfes etwa interessierte ihn nur, was er davon taktisch auf dem Fußballplatz etwa für seine „Wirbel“-Strategie oder seinen Vorläufer des modernen Pressings umsetzen kann: „Wenn der Mao wüsste, dass ich ihn zum Fußball-Strategen umfunktioniert habe...“ Aus Friedrich Schillers Abhandlung „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ schreibt er sich die Schlüsselpassage heraus: „Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt.“ Etliche Bände zur Spieltheorie flankierten Herbergers Entscheidung, die militärischen Drill-Übungen seines Vorgängers Otto Nerz abzuschaffen und die Spieler spielen zu lassen, manchmal sogar Fangen.

Manuel Neukirchner hält Herberger für einen „beispiellosen Autodidakten“, für den „Wissen zur Macht“ wurde und „das Wort zum Werkzeug einer beispiellosen Karriere“. Vielleicht könnte man Herberger auch einen Bildungsleistungssportler nennen. Am Ende aber war es gerade diese enorme, selbst erkämpfte Bildung, die Herberger an seinem letzten großen Vorhaben scheitern ließ: Er wollte ja selbst ein Buch schreiben, eine Autobiografie, die zugleich auch ein Fußballgeschichts- und Lehrbuch sein sollte. Hunderte von Manuskriptblättern hatte Herberger auf seiner Schreibmaschine getippt, aber über Konzepte und Textfragmente ist nie hinausgelangt – „ich habe einfach zu viel Stoff“, seufzte Herberger einmal. Und er wusste einfach nicht, was er weglassen sollte. Wissen ist nicht nur Macht, Wissen kann auch ein Fluch sein.

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