Mutter-Sohn-Drama

Corinna Harfouch treibt als „Lara“ durch Berlins Straßen

Szene aus „Lara“ mit Corinna Harfouch (li.) und Rainer Bock (re.)

Szene aus „Lara“ mit Corinna Harfouch (li.) und Rainer Bock (re.)

Foto: Frederic Bartier / dpa

Essen.  Berliner Roadmovie: Schauspielerin Corinna Harfouch steigt mit der Titelrolle in dem Film „Lara“ zur deutschen Isabelle Huppert auf - mindestens.

Kann es wirklich sein, dass die Welt an diesem Morgen noch trüber als sonst aussieht? Lara Jenkins jedenfalls erweckt diesen Eindruck, und als sie vor dem offenen Fenster steht und über die Stadt hinaus schaut, blitzt für einen Moment die Gewissheit auf, diese Frau springt gleich in die Tiefe. Ganz so einfach aber wird dieser Tag, an dem Lara 60 Jahre alt wird, nicht verlaufen für eine der indifferentesten, und damit schillerndsten Protagonistinnen des jüngeren deutschen Kinos.

Lara hat einen erwachsenen Sohn (Tom Schilling in sehr konzentrierter Performance), der heute Abend sein erstes großes Klavierkonzert bestreiten wird. Darüber ist Lara sehr stolz, und aus diesem Grunde kauft sie alle verbliebenen Eintrittskarten auf. Nun macht sie sich auf den Weg, gönnt sich hier etwas, kauft sich dort etwas, sucht Leute auf, verteilt Einladungen, und doch stimmt etwas nicht. Warum bloß schaut diese Frau so freudlos in die Welt?

Jan Ole Gerster nutzte Roadmovie-Struktur auch in „Oh Boy“

Geheimnisvoll eröffnet damit ein Roadmovie durch die Straßen von Berlin, eine Struktur, die Jan Ole Gerster schon in seinem ersten Film „Oh Boy“ nutzte. Aber die Dinge liegen jetzt anders. Gerster ist nicht mehr der unbeschwerte Regiedebütant aus dem Nirgendwo, und er hat das Drehbuch eines anderen verfilmt. Trotzdem ist es sein eigener Film, im Blick auf die Figuren und die Art, sie in Szene zu setzen. „Oh Boy“ erzählte von einem Leben als Scherbenhaufen und einer Tasse Kaffee als rettendem Anker vor dem Wahnsinn. Berliner Nouvelle Vague in Schwarzweiß.

Auch Lara treibt durchs Diffuse. Die Karriere als Pianistin tauschte sie gegen eine Beamtenlaufbahn ein, ihre Familie zerfiel, das Leben mündete in Einsamkeit. „Lara“, der Film, ist fotografiert von Frank Griebe in strengen halbtotalen Horizontalkompositionen, mit denen sich die Heldin den jeweils neuen Handlungsstationen nähert. Es gibt keine Primärfarben, aber alle Töne sind kräftig, weshalb der Film einen sehr modernen, attraktiven Look hat (Kamera: Frank Griebe, der durch seine Arbeit mit Tom Tykwer zu Ruhm kam) und auch Berliner Nouvelle Vague darstellt; nur jetzt eben mehr Godard als Truffaut. Das Zentrum ist Corinna Harfouch, so zeitlos schön wie Isabelle Huppert und auf ihre Weise genauso abweisend gegenüber vorschneller Sympathiebekundung.

Corinna Harfouch spielt mit gelassener Selbstverständlichkeit

Harfouch verkörpert ihre Rolle mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit, als ob ihre ganze Karriere zu keinem anderen Punkt hätte führen können. Sich darauf einzulassen ist das wahre Erlebnis in diesem Film, der keine Komödie ist, aber zu oft noch so tut, als ob er auch eine sein wollte. Und am Ende, mitten im offenen Schluss, schauen wir in Harfouchs Gesicht und – wie einst bei Greta Garbo – ist jede Regung der Welt darin lesbar. Die Frau ist das Herz des Kinos.

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