Musik

Campino: „Wir sind nicht zu bequem geworden“

Immer noch wild: Campino, Frontmann der „Toten Hosen“ 2015 beim Festival „Rock am Ring“. Foto:dpa

Immer noch wild: Campino, Frontmann der „Toten Hosen“ 2015 beim Festival „Rock am Ring“. Foto:dpa

Düsseldorf.   Der Sänger der Toten Hosen im Interview: Campino über das Alter, Kommerz und Perlen deutscher Musik. Er ist im August live bei "Rock im Pott".

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Ein Industriegebiet in Düsseldorf-Flingern. Im Hinterhof liegt das Büro von JKP, der Plattenfirma der Toten Hosen: Beton, Stahl, Glas, blanke Steine. Die Kulisse erinnert an alte Zeiten, an Krach und Maloche. Heute ist Flingern hip, Düsseldorfs Prenzlauer Berg. Industriecharme kommt an. Für Sänger Campino (54) ist die Gegend die alte Heimat. Flingern passte immer zu den Hosen. Weil die Zeit auch sie verändert hat.

Welche Spuren haben 35 Jahre auf der Bühne bei Ihnen hinterlassen?

Campino: Ich sehe natürlich die Veränderungen. Aber es war ein schleichender Prozess. Zum Beispiel hat es bei uns sehr lange gedauert, bis wir akzeptiert haben, dass wir Musiker sind. Uns kam das immer ein bisschen wie Hochstapelei vor. Aber irgendwann wird Dir bewusst, dass du davon lebst, dass auch andere davon leben und dass du professionell geworden bist. Ich sage das völlig wertfrei. Jeder muss dann für sich selbst den Zugang zu diesem Dasein finden.

Wie haben Sie es geschafft?

Campino: Ich habe mir viel von Freunden abgeschaut, die Leistungssportler waren und angefangen, eine Tournee wie eine Saison zu sehen, also mich entsprechend vorzubereiten und gesünder zu leben, um das liefern zu können, was wir versprechen, wenn wir Live-Konzerte geben. Von daher sind wir zwar heute ganz anders als damals, aber wir konnten nur so werden, weil wir früher die Opel-Gang waren. Es passt alles.

War es nach Ihrem bislang größten kommerziellen Erfolg, „Ballast der Republik“, schwerer, sich noch einmal aufzuraffen?

Campino: Wir hätten deutlich mehr Druck gehabt, wenn das letzte Album ein Flop gewesen wäre. Irgendwann kommst du von alleine an den Punkt, an dem du merkst, dass es wieder an der Zeit ist, sich auf den Kern zu besinnen. Man versucht, alle Regler auf null zu schalten und sich nicht von der Vergangenheit belasten zu lassen. Es wäre fatal, zu probieren, den Erfolg von Liedern wie „Tage wie diese“ zu wiederholen.

Es gab Stimmen, die „Tage wie diese“ als zu seicht empfanden.

Campino: Es ist jedem freigestellt, sich Gedanken zu machen. Ich kenne das auch aus der Fanperspektive, dass ich eine Band für mich behalten wollte. Mir gefiel es gar nicht, wenn der ungeliebte Nachbar plötzlich diese Musik hörte. Musikalisch bewegen wir uns inzwischen so frei wie möglich und können uns heute auch ausdrücken, wenn wir leise, ruhige Töne anstimmen. Man möge uns verzeihen, aber wir sehen unsere Aufgabe nicht in der Wiederholung bewährter Muster. Das ist das Unkreativste, was es geben kann. Deshalb ist es auch legitim, mal ein gefälligeres Lied zu schreiben. Dennoch muss sich keiner Sorgen machen, dass wir zu bequem geworden sein könnten.

Wie bewahren Sie in einer vor Terror traurigen Welt die Lebensfreude?

Campino: Gerade in dieser seltsamen Zeit mit politischen Entwicklungen, die uns alle beunruhigen, sollte man den Spaß an diesem Leben nicht verlieren. Wir dürfen auf keinen Fall vergessen, wie gut es uns eigentlich geht. Dieses fantastische Modell Europa, das so oft angeschossen wird und das viele gar nicht verstehen, hat mehrere schlimme Kriege gebraucht, um überhaupt zu entstehen. Diese Errungenschaft sollten wir nicht so schnell hergeben. Wenn man die separatistischen Strömungen verfolgt, dieses gedankliche Zündeln in jedem Land, das uns umgibt, ist das hart. Das beobachte ich mit Sorge und frage mich, ob es nicht vielleicht doch noch mal einen Krieg geben wird, den meine Generation selbst miterleben muss.

Ist die Sehnsucht nach Sicherheit und etwas Vertrautem der Grund dafür, dass mehr deutsche Musik im Radio gespielt wird?

Campino: Ich glaube, dass wir in Deutschland sehr lange außergewöhnlich wenig deutsche Musik gehört haben. Was auch wieder eine Folge des Zweiten Weltkriegs ist. Die Generation der 50er-, 60er-Jahre wollte nichts mit der Kultur und der Historie der Eltern zu tun haben. Der Begriff der Volksmusik wurde von den Nazis dermaßen missbraucht, dass sich die Jugend nach dem Krieg nach Amerika und England orientiert hat, von der Jeanshose bis zur Musik. Es hat sehr lange gedauert, dass die deutsche Sprache auf eine homogene, normale Art auch in der Musik wieder etwas Alltägliches bekommen hat. Wir haben das zum Glück ohne Quote geschafft, ohne Zwang. Die Leute bestimmen selbst, was sie hören wollen.

Gefällt Ihnen diese Musik?

Campino: Klar ist auch viel Blech dabei. Aber wenn man mich fragt, haben wir so viele gute deutsche Texte wie noch nie. Das fühlt sich alles gesund an. Schlimmen Kommerzmist und Schlagersongs gab es schon immer. Damit muss ich mich nicht auseinandersetzen. Ich konzentriere mich lieber auf die guten Sachen, und die gibt es in Hülle und Fülle.

Für das neue Doppelalbum haben Sie alte Szenegrößen wiedergesehen. Wie war das Klassentreffen 40 Jahre nach der Blüte des Punks?

Campino: Das war sehr entspannt. Ich habe das Gefühl, dass viele der Protagonisten von damals ihren Frieden mit dieser Zeit gemacht haben. Vor 25 Jahren, bei der „Learning English Lesson 1“, waren alle ein bisschen verkrampfter, da war so manche Enttäuschung an die geplatzte Revolution noch zu frisch. Jetzt gehen sie lockerer damit um. Sie haben sich gefreut, das mit uns noch mal zu zelebrieren. Jenseits der Musik spürt man, dass alle noch denselben Humor und ähnliche Einstellungen haben.

Werden Musiker, die so intensiv gelebt haben, anders alt?

Campino: Es gibt Leute, die unheimlich lebensbejahend und gesund leben und die Kurve gekriegt haben. Viele spielen auch heute noch und sind gut in Form. Jello Biafra beispielsweise. Es ist unglaublich, was der noch auf die Beine stellt, wie politisch scharf er ist und auch wahrgenommen wird. Oder Bob Geldof. Er bleibt ein ewiger gutherziger Unruheherd. Andere aus dem Epizentrum der Punk-Bewegung sind schon lange nicht mehr da, die hat es aus der Bahn gehauen.

„Laune der Natur“ heißt das neue Album

Am 5. Mai erscheint „Laune der Natur“ als Einzel- und als Doppelalbum. Für das Doppelalbum haben Die Toten Hosen eine Fortsetzung ihres 90er-Jahre-Klassikers „Learning English“ aufgenommen und einige Schätze neu eingespielt.

Die Hosen live: 26. August, Rock im Pott, Gelsenkirchen

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