DIE TOTEN HOSEN

Campino: „Die Leute haben ihren Frieden mit uns gemacht“

„Wir sollten unser Glück würdigen, und wenn wir das nicht mehr können, sollten wir nicht mehr spielen“, sagt Campino.

„Wir sollten unser Glück würdigen, und wenn wir das nicht mehr können, sollten wir nicht mehr spielen“, sagt Campino.

Foto: Lars Heidrich

Düsseldorf.   Dankbarkeit, Kleiderfragen und ein brandneuer Film im Kino: Campino, der Frontmann der Düsseldorfer Rockband „Die Toten Hosen“ im Gespräch.

So artig gekämmt kennt man die Toten Hosen gar nicht. Gleich ist Filmpremiere und Campino (56) trinkt heißes Wasser aus einer Tasse. „Kalt vertrage ich nicht“, sagt der Sänger und lacht – hat der Altmeister des Punkrock das wirklich gerade gesagt? Er will fit sein für seine Kino-Rundreise mit der Dokumentation „Weil du nur einmal lebst“. Regisseurin Cordula Kablitz-Post (55) begleitet ihn. Durch die Kinos und durch einen Spätnachmittag mit freudlosen Getränken im Hauptquartier der Toten Hosen in Düsseldorf-Flingern.

Campino, wie lange haben Sie überlegt, was Sie zu dem Interview heute anziehen?

Campino: Ich denke nicht viel über meine Kleidung nach. Auch wenn es in dem Film eine Szene gibt, die völlig banal zeigt, wie ich vor der Garderobenkiste stehe und sage: „Was soll ich bloß anziehen?“ In dem Moment ist jedes Hemd zu kurz oder verfärbt. Auf der Tour werden die Sachen über Nacht gewaschen. In 90 Prozent der Fälle kommt das Zeug eingelaufen zurück. Jeans und Socken kriegen sie noch hin. Aber bei einem Hemd ist es so, als wenn du es zur Beerdigung schickst, wenn du es in die Reinigung gibst.

Wie groß ist denn Ihr Kleiderschrank zu Hause?

Campino: Er ist überschaubar. Es gibt darin jede Menge Fußballtrikots und ein paar Pullover, aber bei den Anzügen wird’s weniger.

Inzwischen können sich alle Gesellschaftsschichten auf die Toten Hosen verständigen. Es besuchen Menschen die Konzerte, die vor 20 Jahren noch schreiend weggelaufen wären vor der Musik. Ist es nicht langweilig, allen zu gefallen?

Campino: So etwas schwankt immer zwischen ,Alle können sich auf dich einigen’ und ,Niemand kann sich auf dich einigen’. Dieses Gefühl haben wir auch oft genug erlebt. Das muss man stoisch ertragen. Das beste Beispiel sind AC/DC. Die waren Anfang der 80er-Jahre total abgemeldet. Aber sie haben einfach weitergemacht, und plötzlich wurden sie die coolsten Säue der Welt. Wenn etwas läuft, dann fummle nicht daran herum. Ich bin sehr glücklich über die Mischung von Leuten. Junge Menschen arbeiten sich über unsere neuen Lieder bis zu den alten Songs vor.

. . . und es gibt Ältere, die mit 65, 70 Jahren auf die Idee kommen, sich doch mal die Toten Hosen anzuhören.

Campino: Ja, das ist wirklich erstaunlich. Aber ich denke, es geht den Menschen mehr um die Haltung und darum, wie wir uns geben und weniger um einen einzelnen Hit. Alles in allem haben die Leute ihren Frieden mit uns gemacht.

Frau Kablitz-Post, was hat Sie am meisten beim Blick in das Innenleben der Band überrascht?

Cordula Kablitz-Post: Die fünf Musiker sind wahnsinnig gut miteinander befreundet, dennoch kann der Ton untereinander auch ruppiger werden. Wahrscheinlich funktioniert so etwas nur, wenn man sich bestens kennt. Die Chemie in dieser Band ist etwas Besonderes. Ich mag Geschichten mit Künstlern, die Ecken und Kanten haben und würde nicht mit langweiligen Schlagerjungs drehen wollen.

Was für ein schönes Kompliment, oder Campino?

Campino: Allerdings. Ich weiß gar nicht, wie ich damit umgehen soll. (lacht)


Entdecken Sie selbst in der Rolle des Betrachters auch noch Überraschendes im Band-Alltag?

Campino: Ich bin durchaus überrascht — vor allem über die Äußerungen der Kollegen, wenn ich nicht da bin. (lacht)

Zum Beispiel?

Campino: Jeder Mensch verfällt irgendwann in ein Rollenmuster, das man im Umgang untereinander nur schwer los wird. Es ist interessant, was sich verändert, wenn man nicht mehr im Raum ist. Ein Beispiel: Wenn wir in einem Interview zu fünft sitzen würden, würde Kuddel (Gitarrist Andreas von Holst, d.Red.) selten zum Zug kommen. Es hat sich so eingespielt, dass er sich darauf verlässt, dass Breiti (Gitarrist Michael Breitkopf, d.Red.) oder ich etwas Solides erzählen werden. Wenn Kuddel aber allein vor einem Mikrofon ist, kommen seine Gedanken zum Tragen und die sind verdammt gut. In solchen Momenten denke ich mir: „Schade, dass er nicht häufiger etwas sagt.“ Wenn wir unter uns sind, geht es auch um Coolness. Das fängst schon bei der Begrüßung an. Untereinander heißt es nur „Na“ und man darf froh sein, wenn es kein „Na, du Arsch“ wird. (lacht) Der Ton ist rauer, wenn fünf Männer zusammen rumhängen. Da fällt der Putz schnell von der Wand.

Arbeiten Sie eigentlich an Ihrer Pünktlichkeit?

Campino: Fortwährend. Aber ich bin unendlich dankbar, mit welch stoischer Ruhe die Jungs mein Zuspätkommen aushalten. Wir haben einen unausgesprochenen Deal. Ich muss oft meinen Kopf hinhalten, wenn die anderen zu Hause bleiben können. Das gleicht sich hoffentlich aus.

Der Film zeigt auch Tiefen der Tournee. Campinos Hörsturz wünscht man keinem, aber für die Dramaturgie kam er gar nicht ungelegen, oder?

Kablitz-Post: Zunächst einmal war das ein Schock. Am Abend vorher war noch alles perfekt und plötzlich stand die Befürchtung im Raum, dass Campino vielleicht nie wieder auf die Bühne kann. Wir haben uns große Sorgen gemacht. Im Nachhinein ist natürlich jedes Drama mit Happyend gut für den Film.

Campino: Mir wär’s lieber, wenn wir diese Drama-Sequenzen nicht hätten. In solchen Momenten fragt man sich, wie lange das alles noch weitergehen kann. Es gibt immer wieder Warnschüsse, die mich auf den Boden holen. Dieses Mal wurde ich innerhalb von Stunden vom fröhlichen Freibad-Einbrecher nach dem Konzert in Dresden zu einem kleinen Wurm.

Ziehen Sie daraus Konsequenzen?

Campino: Das ist ganz schwer. Man kann vielleicht lernen, den Stress nicht so nah an sich heranzulassen, aber ich glaube, verhindern kann ich ihn nicht.

Haben Sie keine Entspannungsrituale?

Campino: Auf diesem Gebiet sind meine Erfolge überschaubar. Wahrscheinlich hat es auch mit dem Charakter zu tun. Dass man sich mit aller Leidenschaft in die Abende stürzt, ist so eine Sache. Auf Dauer kann es nicht gut sein, immer an beiden Enden zu brennen. Ein Konzert muss auch mit 90 Prozent und Routine gelingen, ohne dass man das Gefühl hat, die Zuschauer zu betrügen. Aber dieses interne Sicherheitssystem beherrsche ich nicht besonders. Gerade nach einem euphorischen Abend stehe ich gerne noch mit Freunden zusammen und trinke das eine oder andere Glas zu viel.

Hinter der Bühne wird offenbar wenig gestritten. Keine fliegenden Blumentöpfe. Nur ein Mal wird mit einem Handtuch nach dem Kameramann geworfen.

Kablitz-Post: Uns wurde auch nicht berichtet, dass die Fetzen geflogen wären, wenn wir gerade nicht mit der Kamera dabei waren.

Campino: Warum sollten wir schlechte Laune haben? Das wäre sträflich nach unserem Werdegang. Wo wir hinfahren, treffen wir Menschen, die uns sehen und mit uns feiern wollen. Wir sollten unser Glück würdigen, und wenn wir das nicht mehr können, sollten wir nicht mehr spielen.

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