Theater

Caligula, der ewige Tyrann von Rom, lebt bis heute fort

„Caligula“ von Albert Camus in der Regie von Sebastian Baumgarten am Düsseldorfer Schauspielhaus.

Foto: Sandra Then

„Caligula“ von Albert Camus in der Regie von Sebastian Baumgarten am Düsseldorfer Schauspielhaus. Foto: Sandra Then

Düsseldorf.   Sebastian Baumgarten verlängert Camus’ „Caligula“ im Düsseldorfer Schauspielhaus bis in die Gegenwart.

Da ist er ja, von Kopf bis Fuß mit Matsch beschmiert. Gaius Julius Cäsar, genannt Caligula, mächtiger Kaiser des Römischen Reiches. Beinahe hätten wir ihn nicht erkannt! Da kauert ein zittriger junger Mann, ein Getriebener, der flüstert, als sei der Teufel hinter ihm her. Auf dem zartrosa Luftkissenbett, das als Sinnbild dekadenter Behaglichkeit die halbe Bühne einnimmt, wirkt er wie ein Schandfleck. Seit dem Wochenende ist der Muster-Tyrann der Weltliteratur auch in Düsseldorf angekommen – als von der Welt enttäuschtes Kind, das so gern den Mond vom Himmel hätte und sich doch mit Diktatur und Mord zufrieden geben muss. Sebastian Baumgarten inszeniert Albert Camus’ „Caligula“ für das Düsseldorfer Schauspielhaus.

Ein Schriftzug auf einer Leinwand über der Bühne gibt die Marschroute vor. „Auseinandersetzung mit Albert Camus (1938 - 2018)“ steht da. Im Laufe des Abends werden verschiedene Projektionen erscheinen, darunter eine Beschreibung der Zustände im Römischen Reich anno 38 vor Christus, Bilder aus dem Algerienkrieg, ein Zitat des Kultursoziologen Eli Sagan über Allmachtsfantasien und auch Caligula selbst, wie er sich mit Lehm beschmiert, um als Gott Götter und Menschen zu verhöhnen. Ziemlich viel, das alles.

Als Spielort hat Barbara Steiner eine bunte Kinderwelt für Große errichtet, eine Art Jahrmarkt mit Riesenluftbett, bizarren Kasperl-Bühnen und altmodischem Budenzauber – Schattenspiele, Vampire, grinsende Affen, alles da. Rummel-Regent ist Caligula, wieder eine Rolle für Düsseldorfs jungen Schauspiel-Star André Kaczmarczyk, inzwischen eine Allzweckwaffe. Jetzt also Caligula. Und auch hier macht er das Beste daraus.

Während ihn die Patrizier noch suchen, vertraut sich eine müde, zerlumpte Gestalt dem Patrizier Cherea (Miguel Abrantes Ostrowski) an. Caligula ist verbittert über den Tod seiner Schwester und Geliebten Drusilla: „Die Welt ist so, wie sie eingerichtet ist, nicht zu ertragen“. Die Talsohle eines nihilistischen Gedankengebirges: Die Menschen sterben und sind nicht glücklich, schlussfolgert der junge Kaiser. Das Leben erscheint ihm also sinnlos; und jeden, der sich damit abfindet, bezeichnet er als Lügner. Gedanken, die nur der Dichter Scipio (Jonas Friedrich Leonhardi) und Cherea nachvollziehen können. Aufhalten können sie ihn nicht. Caligula beschließt, zu beweisen, dass er als Herrscher in absoluter Freiheit lebt. Er mordet und zwingt Frauen zur Prostitution. Er entmachtet und enteignet durch flink formulierte Dekrete, ruckzuck geht das, schon im alten Rom.

Zigmal wird die Leinwand mit einem lauten Gong nach unten gefahren. Ebenso präsent: ein Riesen-Trichter, der als Megaphon und Spielfläche zugleich dient. Dazu gibt es einen Sound zwischen 80er-Jahre-Rock und Filmmusik, live gespielt vom Musiker Jovan Stojsin. Es ist also ein richtiges Spektakel, das Sebastian Baumgarten da eingerichtet hat. Nur wäre Kaczmarczyk, dieser Mann der leisen Töne, beinahe darin versunken. Wenn man ihn lässt, ringt er der Rolle viele Facetten ab. Sein Caligula ist intellektuell und irre, naiv und durchtrieben, kindlich und hundsgemein. Ihm zur Seite steht seine Geliebte Caesonia (Yohanna Schwertfeger), eine böse Prinzessin. Zwei grausame Kinder in ihrem bonbonrosa Reich – in den besseren Momenten ist das die perfekte Horrorshow.

Rund zwei Stunden währt das Spiel, insgesamt mehr recht als schlecht, einige Längen inklusive. Dann hat sich Caligula zum Gott erklärt, die Oberschicht duckt sich in Unterwäsche vor ihm. Am Ende konzentriert sich die Handlung auf einen kleinen Raum, was der Erzählung gut tut. Nebel quillt in den Saal, Lichter tanzen. Caligula, jetzt weiß geschminkt, erkennt seine Fehler. Die Verschwörer werden ihn erwischen. Doch vorher wird er wie von selbst weggesaugt, nach hinten durch den Trichter. „Noch lebe ich!“, ruft er noch. Und wir wissen, dass er recht hat.

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