Jugendtheater

Büchners Woyzeck in Hagen: Im Kreislauf der Armut gefangen

Kristina Günther (links) und Aischa-Lina Löbbert in einer Szene aus Georg Büchners Wozeck in Hagen.

Kristina Günther (links) und Aischa-Lina Löbbert in einer Szene aus Georg Büchners Wozeck in Hagen.

Foto: Klaus Lefebvre

Hagen.  Regisseurin Anja Schöne wagt sich im Hagener Lutz an Weltliteratur und erzählt mit Büchners „Woyzeck“ eine sehr aktuelle Geschichte über Armut

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Aischa-Lina Löbbert setzt ihre Trompete behutsam an die Lippen, erste weiche Töne erklingen, Pop, 80er Jahre. Nur Minuten später glitzert das Silberblech dann aggressiv, denn Mundstück, Züge und Ventile dienen Georg Büchners Doktor zu grausigen Experimenten. Requisiten gibt es keine in der Inszenierung des Weltliteratur-Textes „Woyzeck“ am Lutz des Theaters Hagen. Stattdessen benutzen die Darsteller ihre Musikinstrumente. Warum das so ist, haben wir bei einem Probenbesuch erfahren. Am Samstag war Premiere.

„Musik und Lieder spielen bei Büchner eine große Rolle. Deshalb haben wir ein Team gesucht, das sowohl spielen als auch musizieren kann“, verrät Lutz-Leiterin Anja Schöne als Regisseurin. Das Fragment des Büchner-Textes stellt sie in eine Rahmenhandlung. Ein Nachtmoderator feiert seine letzte Sendung mit dem Live-Auftritt einer Band im Studio. Seltsame Anrufe gehen ein. Nach und nach melden sich alle handelnden Personen von Büchners Tragödie. Der Band und dem Radiomoderator wird klar, dass da draußen ein Mord passiert. Wie gehen sie damit um?

Der einfache Soldat Franz Woyzeck ermordet aus Eifersucht seine Freundin Marie, mit der er ein uneheliches Kind hat. Das passierte tatsächlich 1821, und hinterher wurde die Frage der Schuldfähigkeit intensiv diskutiert. Georg Büchner, der studierte Mediziner, greift das Thema auf und macht mit seinem „Woyzeck“ erstmals einen Armen zur Hauptfigur in der Literaturgeschichte. Sein Stück ist eine furchterregende Anklage gegen unmenschliche gesellschaftlichen Verhältnisse.

Jeder Mensch ist ein Abgrund

Während die Romantiker Volkslieder sammeln, um der Entfremdung der beginnenden Industrialisierung eine heile Welt entgegen zu setzen, ist das auswendig gelernte Volkslied neben Fetzen von Bibelzitaten bei Büchner das einzige Medium, wodurch sich die Armen artikulieren können. Durch mündliche Überlieferung entstellt, werden die Volkslieder zu Fragmenten, die eine Welt schildern, die so farblos und unentrinnbar ist wie die Gegenwart: Jeder Mensch ist ein Abgrund.

Anja Schöne bricht dieses Entsetzen durch ihre Parallelhandlung, die zunächst im krassen Gegensatz zu Büchners Text steht. Da draußen wird ein Mensch gedemütigt, und drinnen spielt die Band „Fred vom Jupiter“. Zusehends verschränken sich aber die Erzählebenen.

Wie immer bei Anja Schöne übernehmen die Darsteller mehrere Rollen; neben Aischa-Lina Löbbert als Bandleaderin, Marie und Doktor sind das Björn Lukas (Woyzeck, Hauptmann, Musiker), Kristina Günther (Woyzeck, Kind, Handwerker Bursch, Musikerin), Basil Weis (Tambourmajor, Radiomoderator) und Benedikt Dörpinghaus (Andres, Handwerker Bursch, Musiker). Ihre Instrumente haben die Schauspieler übrigens teilweise erst für diese Inszenierung gelernt. Die Figur des Woyzeck wird gedoppelt, das ist besonders in der Szene erhellend, wo der Soldat Stimmen hört.

Ein Käfig in Schieflage

Jeremias H. Vondrlik hat für die Handlung eine reduzierte Simultanbühne entworfen. Rechts befindet sich eine Showtreppe für das Radiostudio, links ein kippeliger Kasten: das ist Woyzecks Gehege, sein in Schieflage geratenes Universum, ein Käfig, aus dem kein Ausbruch möglich ist. Eingerahmt werden beide Raumelemente durch ein Halbrund, so rostig wie angetrocknetes Blut: Das Hamsterrad, in dem Woyzeck rennt und rennt und doch nicht vorankommt.

Kristina Günther streicht mit dem Geigenbogen an der Wand des Halbrundes entlang, wie ein Kind, das den Kreisel mit dem Stock antreibt. Später fährt sie mit der Bogenspitze über das Geländer des Geheges. Ein furchterregender Ton entringt sich dem Holz, so prekär, als stiege er direkt aus der gepeinigten Seele auf. Das in Büchners Text namenlose Kind von Marie und Woyzeck ist auf der Hagener Bühne stets präsent. Denn immer noch leben Jungen und Mädchen in Armut.

Nach dem Mord bleibt das Kind zurück. Es tröstet sich mit Großmutters Märchen: „Und es war ganz allein. Und da hat sich’s hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und ist ganz allein.“ Woyzecks Rad dreht sich weiter.

Büchners Woyzeck ist Bestandteil des Programms „Jeder Schüler ins Theater“. Der Theaterförderverein spendet Schulklassen die Karten. Info auch über Karten und Termine: www.theaterhagen.de

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