100. Katholikentag

Bischof Overbeck: „Kirche ist der älteste Global Player“

Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck.

Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck.

Foto: Essen

Hagen.   Am Mittwoch startete der 100. Deutsche Katholikentag. Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck erklärt, warum ausgerechnet in Leipzig.

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Leipzig öffnete am Mittwoch (25. Mai) seine Pforten für Gläubige aus aller Welt. 50.000 Gäste wurden erwartet. Darunter auch Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck vom Bistum Essen. Ein Interview mit dem Ruhrbischof über die besondere Bedeutung des 100. Deutschen Katholikentages in einer Zeit, in der sich die Welt immer schneller zu drehen scheint.

Leipzig liegt in der mitteldeutschen Diaspora. 80 Prozent sind keine Christen. Warum fiel die Wahl für den 100. Katholikentag auf die sächsische Stadt?

Franz-Josef Overbeck: Der Katholikentag findet in Leipzig statt, weil der frühere Bischof von Dresden-Meißen und heutige Erzbischof von Berlin, Dr. Heiner Koch, dazu eingeladen hat. Ihm war - in Absprache mit dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken - sehr daran gelegen, nach dem Katholikentag 1994 in Dresden wieder einen Katholikentag in den neuen Bundesländern zu begehen.

Das Leitwort des Katholikentages lautet „Seht, das ist der Mensch“. Ein Leitwort, das über allen Katholikentagen gestanden haben könnte. Hat es für den 100. eine besondere Bedeutung?

Overbeck: Jedes Leitwort gibt eine Richtung an. Das Leitwort des Katholikentages von Leipzig stellt den Menschen in die Mitte und damit die vielen Fragen, die mit dem Menschsein verbunden sind.

Angesichts der Situation der vergangenen sechs Monate und der Herausforderungen, vor denen wir in Deutschland und in Europa mit den Flüchtlingen und Asylsuchenden stehen, hat das Thema eine hohe Aktualität.

„Vergesst die Gastfreundschaft nicht!“ - so lautet eine der vielen Podiumsdiskussionen, die auf dem Katholikentag stattfinden. Die Flüchtlinge sind eine Herausforderung für unsere Gesellschaft, die Stimmung ist nach der Silvesternacht in Köln teilweise gekippt. Wie sollten Katholiken damit umgehen?

Overbeck: Ein hohes Gut ist die Menschenwürde eines jeden. Dies gilt für alle Menschen, gleich welcher Herkunft und welcher Bestimmung. Menschen in Not müssen aufgenommen werden. Gastfreundschaft ist nichts anderes als konkret praktizierte Nächstenliebe als Gottesliebe.

Stichwort „Fremdenfeindlichkeit“: Rechtspopulisten kritisieren immer offener die Kirchen, die sich für eine Willkommenskultur einsetzen und klare Worte finden. Welchen Rat würden Sie einem Katholiken in Leipzig mit auf den Weg geben, der sich in der Nachbarschaft daheim für seine Gastfreundschaft rechtfertigen muss?

Overbeck: Es ist selbstverständlich für jeden Katholiken, dass er um der Würde der Menschen willen jeden Gast freundlich aufnimmt. Dafür muss sich niemand rechtfertigen. Dies mit Selbstbewusstsein, aber auch mit Glauben und mit einer unverdrossenen Hoffnung auf eine gute Zukunft für alle immer wieder zu sagen, gehört zu unseren Anliegen und Aufgaben.

In Leipzig kann man in den nächsten Tagen viel Polit-Prominenz treffen, die sich auf den Bühnen über eine sich verändernde Gesellschaft äußern wird. Bodo Ramelow, Ministerpräsident des Freistaates Thüringen, berichtet über ein Leben ohne Religion, Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles über den Umgang mit der Kirche mit ihrem Vermögen. Welche der beiden Diskussionsrunden würden Sie bevorzugen - und warum?

Overbeck: Beide Diskussionsrunden nehmen besondere Zielperspektiven in den Blick. Zum einen ist es für uns Katholiken wichtig, immer besser zu verstehen, wie Menschen leben, die sich bewusst gegen ein Leben mit der Religion entscheiden und oft schon so aufgewachsen sind.

Zum anderen ist auch der Umgang mit dem Vermögen für die Kirche vor allem wegen ihrer Glaubwürdigkeit von hoher Bedeutung. Hier gilt es, immer wieder einen sachgerechten und fairen, aber auch bescheidenden Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln im Alltag umzusetzen.

Über welches spontane Gespräch mit einem Teilnehmer des Katholikentages in Leipzig würden Sie sich besonders freuen?

Overbeck: Ich freue mich über jedes Gespräch und jede Begegnung. Katholikentage bieten hierfür immer viele gute Gelegenheiten - zum Beispiel am Stand unseres Bistums direkt an der neu gebauten Leipziger Propsteikirche. Zudem werde ich als Militärbischof für die deutsche Bundeswehr in Leipzig zahlreiche Soldatinnen und Soldaten treffen.

Eingeladen sind auch diejenigen, die nicht Ihren Glauben teilen bzw. denen Gott nichts bedeutet. Wie wichtig ist in diesem Sinne das Fest der Begegnungen?

Overbeck: Begegnung zwischen Menschen gelingt, wenn sie mit echtem Interesse und Achtsamkeit wie Aufmerksamkeit auf das Gegenüber geschieht. Der Katholikentag ist - im besten Sinne des Wortes - ein solches „Fest der Begegnung“ mit allen. Darauf ruht Gottes Segen.

In Leipzig geht es auch um die Zukunftsfähigkeit der Kirche vor Ort. Was sollte/muss sich ändern, um wieder näher bei und mit den Menschen zu sein?

Overbeck: Zukunftsfähigkeit hat mit der Fähigkeit zu tun, die „Zeichen der Zeit“ zu erkennen und echte Zeitgenossenschaft zu üben. Das ist eine der großen geistlichen Herausforderungen der Christen.

Wichtige Themen hat Papst Franziskus in den vergangenen Wochen und Monaten angesprochen: Die Unterscheidung der Geister bei der Bewältigung der großen Lebensfragen, ein wacher Umgang mit den großen Lebensthemen im Bereich von Ehe und Familie und eine wachsende Sensibilität für die Bewahrung der Schöpfung. Das alles gehört zu diesen Themen, die zukunftsfähig machen. Zugleich braucht es Mut zum Glaubensbekenntnis und Freude am alltäglichen Glauben.

Ein weiteres Thema ist das Internet, das unsere Welt immer intensiver bestimmt. Wie soll die Kirche damit umgehen? Bedarf es einer neuen Strategie?

Overbeck: Das Internet öffnet Welten. Hier geht es um die Kommunikationsplattformen mit allen Menschen. Da die Kirche der älteste „Global Player“ ist, zeigen sich für sie viele Chancen. Allerdings braucht es klare ethische Maßstäbe und Vorgaben sowie eine Professionalisierung der Medienarbeit und der Kommunikation auf allen Eben.

Was erwarten Sie vom Katholikentag in Leipzig?

Overbeck: Die Kirche ist Akteur in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen des Alltags. Die besonderen Herausforderungen, vor denen die Christen und die Kirche in den neuen Bundesländern stehen, geben viele Hinweise auf das, was in ganz Deutschland ein wichtiges Thema der Kirchen ist: Die Bewahrung im Glauben in einer postmodernen, vielperspektivischen Welt. So zeigt sich noch einmal neu: Glaube ist Gnade, ein Geschenk von Gott.

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