Kino

Berlinale: Bauchschmerzen beim Bären-Rennen

Natalia de Molina als Elisa Sanchez Loriga und Greta Fernandez als Marcela Gracia Ibeas in einer Szene des Kinofilms „Elisa y Marcela“.

Natalia de Molina als Elisa Sanchez Loriga und Greta Fernandez als Marcela Gracia Ibeas in einer Szene des Kinofilms „Elisa y Marcela“.

Berlin.   Die Filme der Berlinale sind heftig. Die schönsten Blüten treiben sie jenseits des Wettbewerbs. Und wieder gibt es Ärger um Netflix.

Das Bären-Rennen ist kein Ponyhof. So heftig wie in diesem Jahr ging es selten los. Filme, die wehtun, waren das kraftvolle Spielfilmdebüt „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt über ein massiv rebellierendes Problemkind und „Gelobt sei Gott“ von Francois Ozon, der von Kindern als Opfer und Missbrauchsfällen durch katholische Priester in Lyon erzählt. Der wahre Horror aber kam von Fatih Akins Romanverfilmung „Der Goldene Handschuh“. Jonas Dassler, als Fritz Honka mit massiver Maske zum hässlichen Freak verunstaltet, zersägt die erste Leiche in der schäbigen Wohnung – weitere brutale Szenen folgen. Beim Dreh wurde eine Psychologin für die Schauspieler angeheuert. Eine Handvoll Zuschauer verließ die Pressevorstellung, der Beifall blieb spärlich, vor Entsetzen über die Wucht des Gezeigten.

Xaver Böhms Debüt, Chinas Rückzug

Die schönsten Berlinale-Blumen aber blühen stets jenseits der Bären-Wege. In der Reihe „Panorama” sorgte Jungfilmer Xaver Böhm mit „O Beautiful Night” für Wow-Effekte. Der preisgekrönte Zeichner, der als Xaver Xylophon auch für die „New York Times“ Animationsfilme macht, lässt in seinem Spielfilm-Debüt einen jungen Hypochonder auf den leibhaftigen Tod treffen. Juri fleht ihn an, „noch etwas erleben“ zu dürfen, und es folgt die rauschendste Nacht seines Lebens. Beide radeln durch die Nacht, philosophieren über Schicksal, Schönheit und Gerechtigkeit. Sensible Seelen in der die neonblinkenden Großstadt, eine wahre Wundertüte famoser Bilder und visueller Ideen. Dazu lässig servierte Humor-Sahnehäubchen – mehr Whow-Effekte findet man bei Erstlingsfilmen selten, ein poetischeres Schlussbild sowieso nicht. Zwei Millionen Euro Fördergeld konnte der Jungfilmer auftreiben und gewann als Produzenten die „Toni Erdmann“-Macher „Komplizen Film“.

Netflix-Film „Elisa y Marcela“ von Isabel Coixet

Massive Probleme gibt es beim Bären-Rennen. Zunächst zog China seinen Beitrag „One Second“ zurück, der vom Tabu-Thema Kulturrevolution handelt, bei der es zwischen 1966 und 1976 fast eine halbe Million Todesopfer gegeben haben soll. „Technische Probleme bei der Post-Production“ nennt die Berlinale als Grund.

Und dann gehen auch noch die Kinobetreiber auf die Barrikaden. Ihnen ist der Netflix-Film „Elisa y Marcela“ von Isabel Coixet ein Dorn im Auge, die versprochene Kinoauswertung scheint nicht sicher. In einem offenen Brief fordern über 180 Kinobetreiber, dass dem Film die Bären-Chancen entzogen werden sollen und das Werk nur „außer Konkurrenz“ an den Start gehen darf. Man wende sich gegen das „aggressive Geschäftsgebaren“ des Internetgiganten Netflix, „der wie schon in Venedig ein öffentlich gefördertes internationales Kinofilm-Festival als Werbeplattform missbrauchen will“.

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