Theater

"Michael Kohlhaas" in Düsseldorf mit grandiosem Bühnenbild

Der Düsseldorfer „Kohlhaas“ in der Regie von Matthias Hartmann, auf der Bühne von Johannes Schütz.

Der Düsseldorfer „Kohlhaas“ in der Regie von Matthias Hartmann, auf der Bühne von Johannes Schütz.

Foto: Sebastian Hoppe

Düsseldorf.   Matthias Hartmann inszeniert Kleists Novelle für das Düsseldorfer Schauspielhaus. Und Johannes Schütz baut die grandiose Bühne dazu.

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Die Welt ist keine Scheibe, sondern ein Quadrat. Ein graues Quadrat aus fast 300 grauen Quadrat-Tischen vor drei himmelhohen Wänden aus schierem Grau. Wird ein Keller gebraucht, nimmt jemand einen Tisch heraus und steigt hin­unter; wird eine Stadt zerstört, stehen umgedrehte Tische auf den Tischen für die Ruinen. Und wenn ein Schlagbaum gebraucht wird, zieht der Zollwärter einen Tisch heraus und stellt ihn in den Weg. Das reicht für den berühmtesten Schlagbaum der Literaturgeschichte; jene Schranke, die das schiedlich-friedliche Leben des Pferdehändlers Michael Kohlhaas von dem des mordbrennenden Gerechtigkeitsfanatikers gleichen Namens trennt.

Pferdegetrappel mit Halbkugeln

Die grandiose Bühne von Johannes Schütz für die „Kohlhaas“-Inszenierung des Düsseldorfer Schauspielhauses, die am Samstagabend mit Premierenjubel gefeiert wurde, mag von den Beschränkungen der Probebühne im „Central“ erzwungen worden sein. Aber sie enthält, in der Abstraktion der Requisiten genauso wie in der ständigen Sichtbarkeit des Theatermusikers oder der Wind- und Nebelmaschinen den Kern des „Michael Kohlhaas“, wie Regisseur Matthias Hartmann ihn vorstellt: Als Gedankenspiel aus ferner Zeit.

Kohlhaas tritt als Erzähler der kaum gekürzten Novelle auf, und wie die anderen Charaktere spricht er die „Regieanweisungen“ des Textes mit, als stünde er in der Rolle und zugleich daneben. Kohlhaas: „So, sagte Kohlhaas, Wenzel heißt der Junker?“ Das hält die Figuren auf Abstand zum Publikum, wie schon Brecht das wollte. Nur Kohlhaas’ Ehefrau Lisbeth scheint nichts als ihr Herz auf der Zunge zu tragen, so intensiv, so vehement ist die Gegenwart des Gefühls, mit dem Minna Wündrich sie ausstattet.

Doch da ist auch das Pferdegetrappel aus hohlen Halbkugeln und der „Sprung in der Platte“ bei der Bühnenmusik von Karsten Riedel, da sind die Stühle, die als Pferde herhalten müssen: Komik und Slapstick brechen die aufkommende Identifikation, so wie es auch weiße Papierwand tut, die von der Decke hängt und mal die Mauern einer Burg vorstellen soll, mal als Projektionsfläche für scherzvolle Schattenspiele dient. Und wenn Wittenberg brennen soll, bringen Videoprojektionen die aufgerichteten Tischflächen zum Flammen.

Hochamt der Sprache

Nicht zuletzt ist dieser Bühnen-„Kohlhaas“, von zwei, drei Holperern abgesehen, ein Abend der Sprechkunst für die Schauspieler, die sich an Kleists aberwitzigen Satzbau-Architekturen nicht verheben. Allen voran Christian Erdmann in der Titelrolle, der mit getrampelten Ovationen gefeiert wurde. Erdmann gibt der hochgezüchteten Artistik von Kleists Sprache jene Klarheit und Selbstverständlichkeit, die ihre Kunst erst zum Leuchten bringt. Enden wird dieser drei Stunden lang kurzweilige Abend (von Kleists effekthascherischer Schauerromantik-Schleife mit der weissagenden Zigeunerin einmal abgesehen) mitten im Satz.

Zumindest auf der Bühne.Das Publikum darf sich aber noch eine ganze Weile und mit ungewissem Ausgang den Kopf darüber zerbrechen, was dieser Kohlhaas uns heute eigentlich bedeuten soll, jenseits des abstrakt-moralischen Rechenexempels um Recht und Rache. Das war, als Volker Schlöndorff die Novelle auf dem Höhepunkt der Studentenproteste und in der Entstehungszeit der RAF verfilmte, noch auf der Hand. Heute aber droht einem Rechtsstaat, der längst nicht mehr durchgesetzt werden muss, die größte Gefahr von populistischen Massenbewegungen und den autokratischen Rechtsstaat-Gegnern, die durch sie emporgespült werden. Das angebliche Unrecht, das in Kleists Skandalstaat Sachsen heute immer noch Tausende auf die Straße treibt, ist nur ein gefühltes. Und wer heute nur Recht hat und keines bekommt, scheitert eher am Dschungel der Bürokratie als an spätfeudaler Willkür und Intrige.

Was aber bleibt von diesem Abend in Düsseldorf, ist ein Hochamt der Sprache und ein Fest für die Augen.

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