KINO

„Auf der Suche nach Oum Kulthum“ zeigt Ägyptens Musik-Ikone

Yasmin Raeis als Oum Kulthum vor einem ihrer legendären Auftritte – Szene aus dem Film von Shirin Neshat.

Yasmin Raeis als Oum Kulthum vor einem ihrer legendären Auftritte – Szene aus dem Film von Shirin Neshat.

Foto: RazorFilm

ESSEN.   Die ägyptische Sängerin Oum Kulthum war die Stimme der arabischen Welt. Ihrem Leben nähert sich nun ein neuer Kinofilm von Shirin Neshat.

Einen Film über die 1904 geborene und 1975 verstorbene ägyptische Sängerin Oum Kul­thum zu drehen, ist ein immenses Wagnis. Für diese Form der Annäherung, die immer auch eine Aneignung ist, sind ihre Auftritte und Aufnahmen heute viel zu legendär. Ihr Leben und mehr noch ihre Kunst haben in der Wahrnehmung der Menschen in Ägypten eine beinahe mythische Ausstrahlung. Sie ist auch mehr als vierzig Jahre nach ihrem Tod noch die Stimme der arabischen Welt, und entsprechend empfindlich reagieren die Menschen dort auf Außenstehende, die sich ihr eigenes Bild von Oum Kulthum machen wollen.

Diese Erfahrung musste auch die Exil-Iranerin Shirin Neshat machen. Über mehrere Jahre hinweg hat die Filmemacherin und Videokünstlerin versucht, eine Filmbiographie Oum Kulthums zu realisieren – und ist doch an diesem ambitionierten Vorhaben gescheitert. Aber ganz wollte sie die Geschichte dann doch nicht ruhen lassen. Also erzählt sie in „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ von einer im Exil lebenden iranischen Filmemacherin, die das Leben der Sängerin verfilmt. Der von Neda Rahmanian gespielten Mitra ist offenbar gelungen, was ihr verwehrt blieb.

Offene Rebellion gegen die Iranerin

Mitra hat nicht nur Finanziers für ihr Projekt gefunden. Sie ist auch auf die ideale Besetzung für die Rolle der Sängerin gestoßen. Die Lehrerin Ghada (Yasmin Raeis) hat die perfekte Stimme und kommt Oum Kulthum überraschend nah. Trotzdem werden Mitra die Vorwürfe und Einwände des Teams zum Verhängnis. Einer ihrer Hauptdarsteller rebelliert offen gegen die Iranerin, die kein Arabisch spricht. Als schließlich auch noch Mitras im Iran lebender Sohn verschwindet, entgleitet der Filmemacherin das Projekt endgültig.

Wie Shirin Neshats Videoarbeiten wird auch „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ von langen, extrem eleganten Kamerafahrten geprägt, die alle klassischen Zusammenhänge von Raum und Zeit auflösen. So beginnt der Film in einem Haus, in dem Mitra dem Geist der Sängerin begegnet. Neshat bricht mit den Konventionen filmischer Biographien. Die Suche nach der Sängerin erweist sich als Suche der Filmemacherin nach sich selbst.

Eine Folie für die heutige Zeit

Oum Kulthum hat mit ihrer Stimme nicht nur Hunderttausende verzaubert, sondern konnte auch als enge Freundin von Präsident Nasser die ägyptische Politik der 1950er- bis 70er-Jahre mitformen. Das macht sie im Film zu einem Vorbild für Mitra und letztlich auch für Shirin Neshat selbst. Die Film-im-Film-Erzählung verweist auf eine Zeit, in der sich Frauen ihre Freiheit und Unabhängigkeit erkämpft haben, und wird so zu einer Folie für die heutige Zeit. Nicht alles gelingt Neshat in ihrem zweiten Spielfilm. Manche Szenen sind zu pathetisch, manche Figuren zu holzschnittartig. Aber als Dokument einer Suche nach künstlerischer Souveränität kann er einen nachhaltig beeindrucken.

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