Theater

Auf der Bühne sprechen, ohne etwas zu sagen

Ingrid Sanne, Banafshe Hourmazdi, Susanne Burkhard

Ingrid Sanne, Banafshe Hourmazdi, Susanne Burkhard

Foto: Isabel Machado Rios

Oberhausen.  Applaus für drei grandiose Darstellerinnen: Gelungene Uraufführung von Claudia Tondls Familiengeschichte „Scham“ am Theater Oberhausen

Im Rahmen des interkulturellen Festivals „d.ramadan 2018“ arbeiteten im Frühjahr sechs Autorinnen und Autoren in Oberhausen an ihren noch unfertigen Stücken. Publikum und Theater stimmten schließlich darüber ab, welches Stück zur Uraufführung kommen sollte. Die Wahl fiel auf Claudia Tondls Familiengeschichte „Scham“. Es war, wie Ulrike Günthers eindringliche Inszenierung im Saal 2 zeigt, eine exzellente Entscheidung.

Inmitten der hufeisenförmig angeordneten Zuschauersitze ein Podest mit Eckbank, Kaffeetafel, Geranienkästen. In dieser „guten Stube“ erwartet Mutter (Susanne Burkhard) den als wichtig angekündigten Besuch ihrer Tochter (Banafshe Hourmazdi) und deren Ehefrau. Die etwas demente Großmutter (Ingrid Sanne) ist bei den Vorbereitungen wenig hilfreich. Die bis dahin nur pflichtbewusst aufrechterhaltene Familienharmonie wird noch bröckeliger, als die Tochter auftaucht, ohne Partnerin. Je mehr die drei versuchen, in ein offenes Gespräch zu kommen, in dem es auch um die schwierige persönliche Beziehung untereinander geht, desto deprimierender verläuft der Nachmittag. Im Sprechen offenbart sich Sprachlosigkeit. Das Schein-Idyll zerbricht unter der Last des Nicht-Zuhörens, des Umdeutens und schamhaften Verschweigens, der Themenwechsel und Übersprunghandlungen („noch ein Stück Kuchen?“). In Oma, Tochter und Enkelin löst das Beisammensein indes unterschiedliche Empfindungen und Erinnerungen aus, und so erleben die Frauen den Kaffeeklatsch, bei den gleichen Kerndialogen, immer wieder neu, schildern das Geschehen aus ihrer jeweiligen Warte.

Maßgeblichen Anteil an der gelungenen Umsetzung eines beeindruckenden neuen Bühnentextes haben die drei Darstellerinnen, die das begeisterte Publikum nach 70 Minuten gar nicht in die Garderobe entlassen wollte.

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